Was ist Wahrheit?

„Was ist Wahrheit?“, fragt der römische Statthalter Pontius Pilatus, als er Jesus in der Passionsgeschichte verhört. Doch die Antwort wartet der zynische Machtmensch nicht ab. Er geht weg. Für ihn gibt es keine Antwort. Wahrheit ist etwas, das er nach seinem Willen formen und verändern kann. Mit der Frage nach der Wahrheit kann man ihm wahrhaftig nicht kommen.

Diese Ansicht haben Machthaber zu allen Zeiten: Wer die Macht hat, hat das Recht. Wer das kritisch befragt, ist naiv oder gefährlich. Beides hat er wohl in Jesus gesehen: Entweder ist er ein harmloser Irrer, der sich für den König der Juden hält. Oder ein gefährlicher Aufständischer. Sicherheitshalber entscheidet sich Pilatus für letzteres und lässt Jesus umbringen.

Aber in den letzten zwei, drei Jahren haben die Machtlosen den Spieß umgedreht. Jetzt stellen auf einmal die Menschen, die sich an den Rand gedrängt, die sich benachteiligt fühlen, die Wahrheitsfrage.

Und das ist ihre Antwort: Es gibt keine gesicherten Tatsachen. Alles kann man so oder auch anders sehen. Man kann keiner Nachricht trauen, egal, woher sie kommt. Die Zeitungen und das Fernsehen dienen nur den Interessen der Mächtigen. Also kann man dieser „Lügenpresse“ keinen Glauben schenken.

Die Frage des Pilatus bleibt dann wie bei ihm selber unbeantwortet. Wer allerdings auf Jesus sieht, der weiß mehr als der römische Machthaber. Denn da geht es bei der Wahrheit nicht um Fakten, die richtig oder falsch sein können. Sondern Wahrheit ist etwas, das zwischen zwei Personen geschieht. So könnte man sagen: Was im Reden dem anderen hilft, das ist Wahrheit. Was ihm schadet, das ist Lüge.

Achte also auf deine Worte, erfinde nichts hinzu. Gib es offen zu, wenn du dir nicht sicher bist. Schweige lieber als falsch zu reden, dann sind deine Worte hilfreich. Und wer einmal vor der schweren Entscheidung stand, einem Schwerkranken zu sagen, wielange er wohl noch zu leben habe, der weiß, dass Worte manchmal töten können, auch wenn die Fakten dazu wahr sind. Dass Worte helfen können, auch wenn sie nicht den Fakten entsprechen.

Unübertroffen hat das der Schriftsteller Jurek Becker in seinem Roman „Jakob der Lügner“ beschrieben: Er spielt im jüdischen Ghetto einer polnischen Stadt. Die Rote Armee ist nur noch wenige hundert Kilometer entfernt, das hat Jakob Heym zufällig erfahren. Und er erzählt es den anderen, die mit ihm eingeschlossen sind und schon fast alle Hoffnung verloren haben. Damit die anderen ihm auch glauben, behauptet Jakob, er habe ein Radio. Und so erzählt er Neuigkeiten, die Mut machen, in einer Welt durchzuhalten, in der die Deutschen die Vernichtung der Juden betreiben. So wird aus ihm Jakob der Lügner. Er lügt, um den Menschen wieder Hoffnung zu geben und damit die Kraft zu widerstehen.

Wahrheit ist das, weil es Hoffnung gibt. Und weil die Wahrheit nicht das Negative verstärkt, sondern das, was hilft und rettet.

Deswegen sagt Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Nicht weil er richtige Fakten vermittelt, sondern weil er uns den richtigen Weg durch das Leben und selbst durch den Tod führt. Das wird Pilatus nie verstehen.

Aber auch die, die bei uns nichts mehr anerkennen wollen, belügen sich selbst. Denn sie erkennen doch das an, was sie selber glauben wollen. Und zum anderen ist ihre Wahrheit leider oft nicht aufbauend, sondern zerstörerisch. Fördert nicht die Gemeinschaft, sondern spaltet. Versöhnt nicht, sondern hetzt auf.

Was ist Wahrheit? Keine Informationen über irgendetwas, sondern Jesus Christus, in dem wir Gottes Zuverlässigkeit und Treue, seine Liebe zu uns spüren.

 

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