2.Timotheus 1,7+10 (2020) Ostern abgesagt?

Bild des Benutzers Jörg Woltmann

Der zweite Timotheusbrief ist die Schrift eines Paulusschülers, die lange dem Apostel zugeschrieben wurde. Das Schreiben ist an einen jungen Gemeindeleiter der dritten Christengeneration gerichtet. Die war gefährdet durch Ablehnung und Verfolgung von außen, aber auch durch innerchristliche Querelen.

Du musst noch einiges lernen, um ein guter Hirte zu werden, heißt es da gleich am Anfang. Du wirst vor allem Kraft brauchen, die dich unbeugsam macht. Und Liebe – viel Liebe. Aber vor allem: Besonnenheit – einen klaren Verstand!

Vergiss das nie: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium.“ Darum brauchen wir Christen uns nicht mehr so schrecklich zu fürchten wie andere Leute, die keine Hoffnung kennen.

„Besonnenheit“ – Luther hat das griechische Wort mit „Zucht“ übersetzt und meinte damit wohl Selbstdisziplin – Besonnenheit scheint mir in diesen Wochen wichtig zu sein, in denen uns eine wirksame Bekämpfung des Corona-Virus große Beschränkungen auferlegt und wir auf vieles verzichten müssen, was unser Leben bereichert hat und wir auf uns selber verwiesen sind. Nicht nur, dass die meisten Geschäfte und alle Lokale geschlossen haben. Schwerer wiegt für mich, dass Kontakte mit unseren Verwandten und Freunden nur noch über Telefon oder Skype möglich sind. Besonders schade finde ich, dass in den Kirchen keine Gottesdienste gehalten werden können, doch bin ich meinen technikgeübteren jüngeren Kollegen dankbar für alles, was sie sich an Ersatzmöglichkeiten haben einfallen lassen! Und in unserer Johanniskirche schwebt ein Licht-Kreuz des Künstlers Ludger Hinse im Chorraum (siehe Foto).

Die Idee einer vierzigtägigen Isolierung („Quarantäne“) stammt übrigens aus der Bibel (1.Mose 7,17): So lange mussten Noah und die Seinen samt den vielen Tieren mit all ihrem Lärm und Gestank in der Arche aushalten – sehr strapaziös muss das gewesen sein! Und vierzig Tage weilte Jesus nach seiner Taufe in der Wüste. Die Bibel erzählt, dass er dort dreimal vom Teufel versucht wurde (Mt 4,1-11). Doch ich fürchte, dass manche Leute solche Beispiele nur als Appell verstehen. („Wir schaffen das.“) Deshalb hängt für mich alles daran, ob wir Trost daraus gewinnen können, dass Jesus Christus dem Tode die Macht genommen hat.

„Probleme lassen sich nicht mit dem gleichen Denken lösen, aus dem sie entstanden sind“, hat Albert Einstein einmal gesagt. Was immer Ostern geschehen ist – die Jünger sind nach dem, was sie als Begegnung mit dem auferstandenen Christus ahrgenommen haben, nicht mehr dieselben. Wo sind die Feiglinge, die flohen, als Jesus von Soldaten abgeholt wurde? Die Wackelkandidaten, die ihn vor Hahnenschrei verleugneten? Die „nicht bei Trost“ waren und vor Angst ihre Türen verrammelt hatten? Jetzt sind sie Apostel: getröstet und bereit, diesen Trost mit anderen zu teilen. Etwas Ungeheuerliches ist ihnen widerfahren, und jetzt tragen sie diese Erfahrung in alle Welt – glaubwürdig.

Auch ich glaube diesem Trost. „Auferstehung“ ist für mich in diesen Tagen vor allem ein Sinnbild für die Befreiung aus unserer eigenen Trostlosigkeit. Dabei gebe ich zu: Grundlage des Lebens ist zunächst das Prinzip Angst. Mit einem Schrei kommen wir zur Welt, und mit einem Röcheln verlassen wir sie wieder. Angst vor vielen kleinen Verlusten. Und vor dem einen letzten. „Fürchtet euch nicht“, heißt es in der Bibel oft, wenn Gott mit Menschen etwas Neues, Großes vorhat. Aber wir sind oft so mit unserer ängstlichen Absicherung beschäftigt, dass wir gar nicht mehr bemerken, wie wir uns dadurch ein Gefängnis bauen.

Das Evangelium –besonders die Auferstehungsgeschichte – ermutigt mich zum Gegenteil: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium. Jesus hat gesagt: „Wer seine Identität erhalten will, wird sie verlieren, und wer seine Identität verliert um meinetwillen und des Evangeliums willen, der wird sie erhalten.“ (Mk 8,35). Durch meine Angst vor Verarmung, Erkrankung, Verlassenwerden und Untergang, durch das starre Festhalten an eigenen Bedürfnissen und alten Ordnungen kann sich ein spiritueller Tod in mein Leben einschleichen.

In diesen Tagen leisten Wissenschaftler oft Großartiges zur Bekämpfung des Corona-Virus. Aber es gibt in Deutschland auch gefühlt 82 Millionen Virologen. Wenn man im Internet „Corona“ googelt, kann man jede nur denkbare Meinung finden – von Experten! Darum brauche ich Symbole, Geschichten. In denen geht es nicht um Algorhythmen und richtige Gleichungen, sondern um Gleichnisse, die mein Bewusstsein erweitern. Bilder, die mir helfen, größer zu werden, als ich von Haus aus bin. Bilder, die nicht von mir selbst stammen. Denn ich meine nicht, dass ein rationaler Mensch die biblischen Geschichten nicht verstehen könnte. Ich behaupte das Gegenteil: Nur einem besonnenen Geist erschließen sie sich ganz. Nur wer „bei Trost“ ist, kann sie ertragen und glauben.

Ich glaube, dass Jesus Christus dem Tode die Macht genommen hat. Damit meine ich weniger die historische Bejahung, das physikalische Für-real-Halten eines übernatürlichen Vorgangs. Und was meine eigene Auferweckung angeht, da lasse ich mich gern überraschen. Heute will ich vor allem den Himmel ein bisschen offenhalten. Und in dem hellen Licht, das durch den Spalt fällt, ändert sich für mich die Welt. Ein Hinweis darauf ist für mich auch das Lichtkreuz im Chorraum der Johanniskirche vor dem Altarbild mit der Auferstehung.

Vom „Licht des Evangeliums“ geleitet, fange ich an, meine Ängste zu überprüfen: Ein Teil ist sicher ein Alarmsignal, lebensnotwendig, z.B. die Sorge vor Ansteckung durch das Corona-Virus und die Sorge um geliebte Menschen. Aber ein Gutteil unserer Angst ist auch Gespensterseherei. Vor 150 Jahren dichtete Emanuel Geibel: „Glaube, dem die Tür versagt, / Steigt als Aberglaub‘ zum Fenster./ Wenn die Gottheit ihr verjagt,/ kommen die Gespenster.“ Vor einem Jahr sagte die Umweltaktivistin Greta Thunberg: „I want you to panic!“ Jetzt schaffen das der russische Geheimdienst und interessierte Parteien in Europa in der Corona-Krise viel professioneller. Denn ein Teil unserer Angst dient auch als Ausrede für Feigheit und Bequemlichkeit. Und ein weiterer Teil hat zu tun mit unserer modernen Unsicherheit im Umgang mit dem Unverfügbaren, z.B. dem Alter und dem Sterben. Sterben war natürlich zu allen Zeiten schwer. Nur bilden wir Heutigen uns zusätzlich ein, wir seien zu schade fürs Sterben.

Ganz loswerden können wir unsere Ängste nicht. Aber aus dem verwandelten Blick, den wir auf unsere Umgebung werfen, leuchtet das Licht des unvergänglichen Lebens in unseren Alltag und verleiht ihm Würde und Bewegung. Und was ist kraftvoller als das christliche Bild von der Auferstehung? Leider mussten in diesem Jahr die Ostergottesdienste abgesagt werden. Ausfallen muss auch manches Brauchtum, das sich um dieses Frühlingsfest rankt. Aber die Auferstehung Christi und die Entmachtung des Todes in allen seinen Erscheinungsformen – Depression, Feigheit, Feindseligkeit, Unmenschlichkeit, Selbstsucht – lassen sich nicht absagen. Gott sei Dank.

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