Audio-Andacht aus Obereisenheim

Bild des Benutzers Ivar Brückner

Begrüßung

Guten Morgen.

Heute ist der Sonntag Kantate – auf Deutsch: Singt!, der vierte Sonntag nach Ostern – und ich grüße Sie und Euch ganz herzlich!

„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“, heißt der Wochenspruch, Psalm 98, Vers 1.

Darum sind unsere Gottesdienste oft voller Lieder: sie singen von der Schönheit des Lebens, von der Rettung der Verlorenen, vom Sieg des Christus über alle Dunkelheiten. Singen davon, dass der Tod abgewirtschaftet hat. Davon, dass noch etwas aussteht auf der anderen Seite des Lebens in Gottes Ewigkeit.

Heute gibt es keinen gemeinsamen Gemeindegesang in unseren Kirchen, egal, ob in ihnen schon wieder Gottesdienst gefeiert wird, oder ob die Gemeinde noch etwas abwartet.

Gemeinsames Singen wird als Gefahr eingeschätzt.
Beim Singen werden die Viren durch Tröpfcheninfektion besonders verbreitet.

So bleibt uns heute immerhin das persönliche, individuelle Singen, ob uns ein Lied über die Lippen geht, oder wir innerlich in eines einstimmen... Ein Lied als Zeichen der Hoffnung.

In der Hoffnung auf den Herrn, dem wir ein neues Lied singen sollen, denn er tut Wunder, hören Sie und hört Ihr diese Andacht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Confiteor

Gott, wir haben alle unsere eigene, unverwechselbare Lebensmelodie. Aber immer wieder lassen wir uns dazu verführen, die Lieder zu singen, die andere uns vorgeben. Wir trauen uns oft nicht, unsere Stimmen ertönen zu lassen.

Gott, wir wollen Dir singen in Dur und Moll, sanft und kraftvoll. Lass uns Deine Stimme hören und singe mit uns. Wir bitten dich um dein Erbarmen, Gott.

[kurze Stille] 

„Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.“ Amen.

 

Psalmlesung

Ich habe vorhin den Wochenspruch zitiert, ich spreche den ganzen Psalm 98:

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Der HERR lässt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet! Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel! Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König! Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

- Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und allezeit. Amen.

 

Gebet

Gott, bei dir öffnet sich ein Klangraum, in dem wir sein können, wie wir sind.
Dir singen wir unser Lied, leise oder laut, manche fröhlich, andere mit belegter Stimme.
Du bereitest dir dein Lied, das ist unsere Hoffnung. Dafür loben wir dich und danken dir! Amen.

 

Ansprache

Ich lese aus dem 2. Buch der Chronik im 5. Kapitel die Verse 2 bis 14:

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

 

Im Jahre 586 ereignete sich eine Katastrophe: Die Stadt Jerusalem wurde von den Truppen des babylonischen Königs Nebudkadnezar erobert und zerstört. Ein großer Teil der Einwohner, vor allem die Oberschicht, wurden gefangengenommen, sofern sich nicht fliehen konnten oder getötet wurden. Der Tempel Gottes auf dem Berg Zion wurde zerstört und ausgeplündert. Das geistliche Herz des Volkes Israel hatte aufgehört zu schlagen. Kein Gottesdienst mehr an geweihter, heiliger Stätte. Die Wunde, die hier geschlagen wurde, blutete lange, im Judentum bis heute. Die Gefangenen wurden deportiert, hunderte Kilometer durch die Wüste bis in die Stadt Babylon. Dort lebten sie im Exil, fern der Heimat, fern vom Tempel. Der Schock saß ungeheuer tief.

Auch das Singen war ihnen vergangen. Jedenfalls die Art des Singens, die bisher im Tempel stattfand, begleitet von der Harfe, dem Instrument des Königs David, der seinem Volk, so lautete jedenfalls die Legende, so viele schöne Lieder geschenkt hat. Das Volk verstummte. Was tun ohne Tempel?

An die Stelle der alten Rituale trat etwas Neues. Die Priester und Gelehrten fingen an, die alten Geschichten zu sammeln und sich zu erzählen. Das, was wir heute das Alte Testament nennen, nahm dort seinen Anfang. Eine neue Art des Gottesdienstes entstand. Ein Gottesdienst, der keinen Tempel braucht, ein Gottesdienst, den man in den Häusern und in einfachen Versammlungsorten feiern kann, ohne Opfer, ohne Weihrauch, ohne Aufwand. Ein Gottesdienst, der die Herzen berührte und die Erinnerung wachhielt, der die Menschen zusammenhielt in einer gemeinsamen Hoffnung: die Hoffnung auf Rückkehr. Und sie fingen doch wieder an zu singen, aber anders als vorher: Viele unserer Psalmen, die wir mit dem Volk Israel bis heute teilen, stammen aus dieser Zeit. Das Nachdenken über den Lauf der Geschichte, die Bitte um Vergebung und Versöhnung, der Zuspruch von Gnade und Zuversicht: Das alles kam nicht zum Erliegen, es suchte sich nur neue Formen, einen neuen Ausdruck. Der Tempel war zerstört, aber der Glaube nicht. Er ging, in mancher Hinsicht, sogar gestärkt und erneuert aus dieser ungeheuren Krise hervor.

70 Jahre war das Volk in der Gefangenschaft im fernen Babylon: zweieinhalb Generationen. Und dann geschah das Wunder, mit dem keiner mehr wirklich gerechnet hatte: Der Perserkönig Kyros eroberte die Stadt Babylon und entließ die Juden, wie sie sich jetzt nannten, in ihre Heimat. Nicht alle kehrten zurück. Aber die, die zurückkehrten, hatten nur einen Wunsch: Den Tempel wiederaufbauen, wieder Gottesdienst feiern, wie man ihn gewöhnt war – auch wenn der nur noch eine Erinnerung war, Augenzeugen dürften keine mehr gelebt haben. Das war im Jahre 538.

Doch es dauerte noch. Es gab Streit darüber: Brauchen wir den Tempel wirklich? Haben wir nicht andere neue Formen gefunden, Gottesdienst zu feiern? Sollen die Tempeltrümmer nicht so bleiben, als Mahnung und Erinnerung? 515 war es endlich so weit: Der Tempelneubau wurde feierlich eingeweiht. Und zur Erinnerung daran, erzählt das Buch der Chronik davon, wie die Einweihung des ersten Tempels, den der König Salomo gebaut hatte, vonstattenging. Der neue Tempel knüpfte an den alten Tempel an, vor allem an einem Punkt: Es gab viel Musik. Es wurde wieder gesungen. Es wurde wieder Musik gemacht. Und es war dieser Moment der Musik, der zugleich der Moment war, an dem man sich vorstellte, dass Gott wieder in den Tempel einzog. So wie es damals war, so sollte es auch jetzt sein: In der Musik vereint ist man Volk Gottes, und er wohnt in der Mitte.

 

Das Erstaunliche an dieser Geschichte ist: Obwohl der Gottesdienst, wie man ihn kannte, über Generationen nicht stattfinden konnte, obwohl das Zentrum, die Mitte des Volkes zerstört und vernichtet war, war doch der Glaube nicht untergegangen. Er hatte sich neue Formen gesucht, und die wurden auch beibehalten. Am Ende war nach der langen Zeit der Krise, die alle so erschüttert hatte, der Glaube reicher geworden, als er vorher war. Das Volk sang wieder, und es sang neue Lieder.

 

Es mag guttun, das heute, an diesem Sonntag Kantate im Jahre 2020, zu hören. Manches an der Geschichte kommt uns – wenn auch unter ganz anderen Umständen - bekannt vor. Auch wir haben jetzt lange Zeit auf den Gottesdienst, wie wir ihn kannten, verzichten müssen. In manchen Gemeinden werden heute vorsichtig und zaghaft wieder Gottesdienste gefeiert. Nicht in allen. Auch unsere Gemeinde hat gezögert, weil wir nicht wissen, ob die ganzen Vorsichtsmaßnahmen reichen, die Menschen zu schützen, die gefährdet sind. Manche Gemeinden zögern, weil sie sagen: Also dieser Gottesdienst ist nicht der, den wir wollen, lasst uns warten. Denn ein Element fehlt, dass doch für den Gottesdienst so wichtig ist, und von dem uns der Bibeltext heute so eindrücklich erzählt: der Gesang. Die volle Gemeinschaft können wir noch nicht erleben. Wir dürfen uns immer noch nicht so nahekommen, wie wir es gewöhnt sind und wie uns guttut. Ein bisschen sind wir immer noch wie im Exil. Die Stille in unseren Kirchen erinnert und ermahnt uns: Es noch nicht alles gut. Es ist noch nicht vorbei. Und doch: Es ist ein Anfang, es ist ein Wiederanfang in Sichtweite.

 

Und noch etwas ist geschehen, das an diese alte Geschichte erinnert und uns mit Hoffnung erfüllen kann in dieser immer noch bedrückenden Zeit: Der Glaube durfte zwar nicht mehr laut und öffentlich singen, aber er verstummte nicht. Wie im Volk Israel im Exil wuchsen neue Formen des Gottesdienstes: Im Fernsehen, als Gottesdienste to go, als Telefonandachten, als Videobotschaften. Wir haben viele neue Formen der Verkündigung entdeckt, notgedrungen, aber schnell und kreativ. Das Internet als Medium ist zwar kein Ersatz für Gemeinschaft live, aber mehr als ein Notbehelf. Und tatsächlich gab es nie ein Gottesdienstverbot, wie öfter in den letzten Wochen gesagt wurde, es gab nur ein Verbot, ihn öffentlich in der Gemeinschaft zu feiern. In unseren Herzen aber konnten wir natürlich weiterfeiern, so wie der Apostel Paulus schreibt: Wisst ihr nicht, dass Euer Leib der Tempel Gottes ist und Gott in Euren Herzen wohnt?

 

Vielleicht haben wir in den letzten Wochen ein Stück Unbefangenheit und Sorglosigkeit verloren, was unsere Alltagsgestaltung betrifft. Wir haben vielleicht die überraschende Entdeckung gemacht, dass nicht alles gut ist, was möglich ist – nur weil man es halt machen kann.

 

Egal, wie Kirchengemeinden das mit den Gottesdiensten jetzt in den nächsten Wochen und Monaten handhaben werden: Wenn wir nicht aufhören, in unseren Herzen Gott zu loben und zu singen, werden wir eines Tages auch wieder gemeinsam zusammensitzen und singen, es wird ja immerhin keine siebzig Jahre dauern. Bis dahin wissen wir: Gott ist mit uns, alle Tage, bis an der Welt Ende. Das ist das neue Lied, das wir singen gegen die alte Leier von Leid und Untergang. Das ist der wahre Gottesdienst im Alltag der Welt und im Tempel, der in uns drin ist. Amen.

 

Fürbittengebet / Vaterunser

Lasst uns beten, ohne Mundschutz und falsche Verlegenheit:

Gott, wir danken dir für alle, die singen – still in ihren Herzen oder aus voller Kehle.

Gott, wir denken auch an alle, denen jeder Gesang im Hals stecken bleibt; an die, die niemand das Loben lehrte; an die, die meinen, auf ihre Stimme käme es nicht an in dem Chor, der zu deiner Ehre singt.
Gott, du öffnest einen weiten Klangraum, in dem wir die Melodie unseres Lebens finden und zum Klingen bringen dürfen.

Musik ist ein Fenster zum Himmel. Musik ist Ermutigung zum Widerstehen. Musik ist wie Beten: Atmen der Seele.
Heute, am Singe-Sonntag Kantate, und jeden Tag.

Und wenn wir heute nicht als Gemeinde zusammen singen durften, lass uns in der Stille in unserm Herzen neue Lieder singen gegen die alte Leier der Welt, die nur Untergang und Kummer kennt.

Lass uns auch singen für die, die in Not geraten sind, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen oder vor unüberwindlichen Schwierigkeiten.

Lass uns auch die nicht vergessen, die nicht nur unter der sich zurzeit um alles drehenden Krankheit leiden, sondern weiterhin unter Krieg und Hunger, Verfolgung, Ungerechtigkeit und Armut.

Stehe den Menschen bei, gute Entscheidungen zu fällen, auch wenn wir so wenig wissen, was kommt.

Gib den Menschen Geduld und Besonnenheit, stärke Rücksicht und Vorsicht: die unsichtbare Gefahr soll uns nicht leichtsinnig machen.

Stehe deiner Kirche bei in diesen schwierigen Zeiten, lass den Glauben nicht verstummen, wecke in uns Zuversicht.

Gott, du verstehst. Du sprichst alle Sprachen ohne Mundschutz und hörst ohne Filter.
Danke.

Im Vertrauen, dass Du uns hörst, beten wir, wie Jesus Christus es uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute,

und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Segen

Der Herr segne und behüte uns.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.

Amen.

 

Und wenn Sie heute den Gemeindegesang vermisst haben, an diesem Sonntag Kantate, wenn Ihr darauf verzichten musstet, dann tu es, dann tun Sie es doch jetzt einfach für sich und Euch, mit einem Gesangbuch, mit Begleitung aus einem Lautsprecher oder mit Worten und Noten, die im Gedächtnis seit langer Zeit abgespeichert sind…

Mir fällt gerade schon eine Melodie ein…

 

Bleiben Sie, bleibt Ihr Gott befohlen! Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Sonntag!

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