Audio-Andacht aus Obereisenheim zum Karfreitag

Bild des Benutzers Ivar Brückner

Begrüßung

Guten Morgen.

Wenn Sie das hören, wenn Ihr das hört, dann begehen wir den Karfreitag im Jahr 2020. So wie jedes Jahr am Freitag vor dem Osterfest bedenken wir Jesu Leiden und Sterben am Kreuz.

Und doch ist in diesem Jahr alles anders.

Vielleicht wollten einige von Ihnen / von Euch heute in die Kirche kommen. Karfreitag ist für viele ein besonderer Termin im Kirchenjahr. Gottesdienst feiern mit anderen. Singen. Beten. Das Abendmahl feiern. Gemeinschaft mit anderen – und mit Gott erleben.

Vielleicht kommt es Ihnen und Euch aber auch gerade gelegen, dass diese Karfreitagsandacht nun gewissermaßen zu Ihnen und zu Euch kommt. Zum Hören, wo auch immer man gerade ist.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Ärger um den Karfreitag als „stillen Feiertag“ mit seinem Verbot von Tanz– und Sportveranstaltungen und „lautem“ Unterhaltungsprogramm.

Dieses Jahr ist alles anders. Clubs und Kirchen sind geschlossen, Kinos und Konzertsäle. Partys und Prozessionen wurden abgesagt. Nicht nur heute.

Und alle versuchen, aus der Not eine Tugend und aus der Situation das Beste zu machen.

Wir telefonieren wieder mehr, nutzen digitale Medien, verabreden uns per Video: zu Konferenzen und Teamsitzungen, mit Freunden auf ein Treffen auf dem je eigenen Sofa.

Und diese Andacht kommt aus dem Lausprecher oder aus dem Kopfhörer.

Schön, dass Sie da sind, das Ihr da seid.

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Das ist der biblische Spruch zum Karfreitag.

Karfreitag ist der Tiefpunkt, aber auch der Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Gott scheint die Menschen zu verlassen, aber er bleibt doch bei uns - und er ist es, der handelt, gegen den Augenschein, gegen alle Mutlosigkeit. Darum wollen wir Gott auch in der momentanen Krise an sein Wort erinnern und ihm danken, dass er bei uns bleibt.

Sind wir in Gedanken bei ihm und beieinander – in den nächsten Minuten.

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. 

Sündenbekenntnis - Gnadenzusage

Jesus Christus, am Kreuz hast du zu deinem Vater gerufen: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Du stirbst. Getötet von Menschen.

Heute wissen wir, was wir tun, wenn wir einander verletzen, Kreuze aufrichten. Grund genug, in deinen Ruf einzustimmen.

Aber uns bleibt nur der erste Teil: „Vater, vergib uns.“

Und mit den Worten des Verurteilten am Kreuz bitten wir dich; „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“

Kurze Stille

Wir dürfen hören, wie du zu uns sagst: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Psalmlesung

Die Psalmen breiten die Vielfalt des Lebens vor Gott aus: Lob und Dank, Klage und Bitte, Jubel und Verzweiflung, Gewissheit und Vertrauen.

Ich lese Verse aus Psalm 22, den Psalm, den Jesus am Kreuz zitiert hat:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe. Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden. Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.« Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand. Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Predigt

Es gibt im Moment eigentlich nur ein Thema: Corona.

Es ist viel von Opfern die Rede, Opfer, die nun alle bringen müssen, soziale Distanz, Freiheitsrechte, Wohlstand - und von Opfern der Krankheit, also den Toten. Opfer bringen, um Opfer zu vermeiden, ist angesagt.

Auch beim Karfreitagsgeschehen geht es um ein Opfer. Wurde Jesus geopfert? Hat er sich am Kreuz für uns geopfert?

Ich kann Opfer bringen oder zu einem werden. Und es ist etwas ganz anderes, ob ich meinen Urlaub dafür opfere, um den Corona-Ausgangsbeschränkungen gerecht zu werden, oder Opfer eines Verkehrsunfalls werde.

Opfer bringen, Opfer sein: Bei Jesus am Kreuz am Karfreitag fällt beides zusammen. Jesus ist ein Opfer von Verrat, von Boshaftigkeit der Menschen und von politischer Intrige. Und er opfert sich, indem er sich nicht wehrt, seine göttliche Macht nicht dazu gebraucht, vom Kreuz herabzusteigen. Warum eigentlich nicht? Warum musste er für unsere Sünden sterben? Hätte er nicht für unsere Sünden etwas Ungefährliches machen können?

Paulus, der Apostel, schreibt in seinem 2. Brief an die Korinther im 5. Kapitel:

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Es ist nicht ganz leicht, den Gedankengängen des Paulus zu folgen. Paulus war nicht dabei am Karfreitag in Jerusalem. Er schreibt gut zwanzig Jahre später – aber nicht als Erzähler oder Nacherzähler, sondern als Deuter. Paulus‘ Deutung geschieht lange nach der Auferstehung und seinem persönlichen Erlebnis mit dem Auferstandenen.

Und er sagt:

Jesus ist nicht das Opfer von anderen oder von Umständen geworden: Gott ist der Handelnde. Ausgerechnet da, wo er schweigt, wenn selbst Jesus schreit „Warum hast du mich verlassen?“, handelt Gott. Niemand vermag es zu erkennen in dem Moment, nicht einmal sein eigener Sohn. Dort, wo Verlassenheit und unsägliches Leid sichtbar ist, handelt Gott im Verborgenen.

Deswegen auch die Bitte des Paulus: „Lasst euch versöhnen mit Gott!

Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Angesichts des Karfreitags, angesichts des sterbenden Gottessohns kommt mir da kein fröhliches „Ja klar! Da ist doch Frieden zwischen mir und Gott!“ über die Lippen. Zu angespannt sehe ich das ganze Leid. Lasst euch versöhnen mit Gott ist kein Aufruf, in dem Sinne selber tätig zu werden, indem man einen Friedensvertrag unterzeichnet. Er ist unterzeichnet. Es fühlt sich nur leider nicht immer so an. Gott handelt im Verborgenen, ist eine Aussage, die gleichzeitig tröstlich wie beängstigend sein kann.

Ich glaube fest daran, dass Gott mehr tut als ich erkennen kann. Gerade in Zeiten wie diesen, wenn Schreckensszenarien gezeigt werden von überfüllten Krankenhäusern, die nicht genug Beatmungsplätze haben. Von Ärztinnen und Ärzten, die dann entscheiden müssen, wer behandelt wird und für wen es nicht reicht. All das gab es in anderen Ländern, hier scheint die Lage im Vergleich dann doch noch einigermaßen entspannt.

Ich bin dankbar für alle, die sich freiwillig zurücknehmen und auf Liebgewonnenes verzichten, um andere zu schützen. Sie bringen Opfer. Andere werden zu Opfern: viele unbegleitet Sterbende in Krankenhäusern, und Heimen, die niemand mehr betreten darf, Menschen, die die Verwandten nicht beerdigen dürfen, weil sie nicht zum engsten Familienkreis zählen, Menschen, die psychisch darunter leiden, dass ihnen die Decke zu Hause auf den Kopf fällt, Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weil die Firma es nicht schafft, durch diese Zeit zu kommen, Schüler, die mit dem Homeschooling nicht zurechtkommen.

Schaue ich in die Bibel und in die christliche Geschichte, so sehe ich bei „Opfer bringen“ wechselnden Erfolg, mal ist es eine gute Idee, mal eine schlechte. Jemand zu Opfern machen ist immer schlecht.

Und wie war es mit Jesu Tod? Wurde er ein Opfer? Brachte er ein Opfer?

Wir denken heute an sein Leiden und Sterben am Kreuz. Und wir haben mehr Fragen als Antworten. Damals wie heute.

Und doch ändert sich etwas.

Wir schauen anders, weil Gott die Perspektive wechselt. Nicht der ist, der die Antworten liefert,

sondern der die Fragen mit uns aushält.

Gott war in Christus, schreibt Paulus,

Gott ist in dir und in mir. In unseren Fragen.

Wo sich Einsamkeit breit macht und Zukunft zu kurz kommt, steht er an unserer Seite.

Bei denen, denen wir so gerne beistehen würden – und es nicht können.

Und bei denen, die für uns einstehen, und es nicht können.

Lasst euch versöhnen mit Gott!

Halten wir die Fragen aus! Und trauen ihm Ostern zu!

Amen.

Fürbittengebet und Vaterunser

Ewiger Gott,

im Leben und im Sterben gehören wir uns nicht allein, sondern zu deinem Sohn Jesus Christus. Wir treffen Entscheidungen für und über andere, obwohl wir das nicht einmal für uns selbst immer souverän hinbekommen. Leite unsere Erkenntnis und unser Handeln, vergib uns unsere Schuld, wenn wir anderen schaden, sei es aus Hochmut, sei es nach bestem Wissen und Gewissen. Oft ist das Leben für uns ein Kampf. Hilf uns, stattdessen auf deinen großen Frieden zu vertrauen, den du mit uns auf Golgatha geschlossen hast.

Im Vertrauen, dass Du uns hörst, beten wir, wie Jesus Christus es uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute,

und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr segne und behüte uns.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.

Amen.

 

Was kann man sonst tun, außer beten und um Segen bitten? Davon erzählt der Roman „Die Pest“ von Albert Camus, erschienen 1947. Darin wird von einem Arzt erzählt, der nicht aufgibt, immer weiter arbeitet, Kranken hilft, Sterbenden Trost spendet. Das ist kein Heldentum, sagt er; es handelt sich einfach um Anstand … Die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand.“

Das lese ich mit Bewunderung.

Ich erkenne, dass auch die Karwoche Jesu seine Woche des Anstands und der Haltung war. Er hat sich nicht hinreißen lassen – weder zu bösen Worten noch zu Gewalt. Wem er helfen konnte, denen half er – mit seinem frommen Anstand. Jesus hat angenommen, was er nicht ändern konnte. Und er hat die Nähe Gottes gesucht, in dessen Händen er seinen Geist gut aufgehoben wusste.

Das ist ein wertvoller Hinweis für den Karfreitag der Welt. Stehen wir einander bei, so gut wir es können; üben wir uns in Anstand. Und hoffen wir, wie Jesus, in aller Dunkelheit auf Gott, dessen Erbarmen wir so nötig haben.Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand,

die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.

Bleiben Sie, bleibt Ihr Gott befohlen! Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Karfreitag!

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