Beten verbindet

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!
Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, so lesen wir in der Bergpredigt. So spricht Jesus zu seinen Zuhörern, bevor er sie dann das Vaterunser lehrt.
Das Gebet im stillen Kämmerlein ist gerade in der letzten Zeit für viele wieder besonders wichtig geworden. Gemeinsame Gottesdienste konnten über Wochen hin nicht mehr gefeiert werden und sind auch jetzt nur mit Einschränkungen möglich. So haben sich Menschen zum gemeinsamen Gebet auf Distanz verabredet: Jeder für sich in seinem Kämmerlein, aber zu einer gemeinsamen Zeit, orientiert am Gebetsläuten unserer Kirchenglocken. Und das Vaterunser war und ist da immer dabei.

Das Gebet und besonders auch das Vaterunser schafft Beziehung. Es stellt uns in Beziehung zu Gott. 
Vater unser, diese Anrede sagt mir: Ich haben ein Gegenüber, das wir so nennen dürfen. Einen Gott, der für uns da sein will, wie ein guter Vater für seine Kinder. 
Oder: Unser tägliches Brot gib uns heute. Wie mit zur Schale geformten leeren Händen stehen wir mit dieser zentralen Bitte vor Gott. Wir können unsere Hände nicht selber füllen. Wir sind angewiesen darauf, dass Gott uns täglich neu beschenkt mit seiner Gnade, mit der Fülle des Lebens. Das macht uns das Vaterunser immer wieder bewusst.

Das Vaterunser verbindet uns aber auch untereinander. Christen in aller Welt sprechen dieses Gebet, jeder und jede in seiner, ihrer eigenen Sprache. Und doch ist es das eine gemeinsame Gebet zu dem einen Gott. Jeder und jede weiß sich Gott wie den anderen in diesem Gebet verbunden, über die Grenzen von Sprachen und Kulturen hinweg.
Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. So heißt es in einem Lied, das ursprünglich aus England stammt. So wandert gerade auch das Vater unser Tag für Tag um die Welt gebetet von Millionen von Christen, in allen Ländern der Erde, zu unterschiedlichen Anlässen. 
 
Auch über die Zeiten, über Jahrhunderte und  Jahrtausende hinweg verbindet uns dieses Gebet. Es verbindet uns mit den Menschen, die es schon lange vor uns gebetet haben, mit unseren Müttern und Vätern im Glauben. Wie auch manche Psalmen war das Vaterunser vielen von ihnen eine Hilfe gerade auch in Situationen, in denen die eigenen Worte zum Beten fehlten. Zu Zeiten da es  ihnen die Sprache verschlug. Die bekannten, überlieferten Worte verbanden und verbinden sich bis heute immer wieder neu und auf unterschiedliche Weise mit ihren wie mit unseren Fragen und Nöten. Und immer schwingt etwas anderes mit, soviel steckt in diesen Worten: 
Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Diese Bitten des Vaterunseres  sind voll heimlichen Widerstands. Sie halten fest an der Hoffnung auf eine andere Welt. Frei von der Unterdrückung durch weltliche Mächte und Tyrannei. 
An einem Sterbebett klingen diese Bitten dann aber vielleicht eher wie das Gebet Jesu im Garten Getsemane am Abend vor seiner Kreuzigung. Wenn es sein kann, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen, aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Es hilft dann dabei sich in Gottes Willen zu fügen, Abschied zu nehmen, den Sterbenden Gottes Liebe anzuvertrauen. 

Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten. So hat Martin Luther gesagt.
Ich glaube daran, dass Menschen Gott brauchen und also das Beten zu ihm brauchen. Wir Menschen brauchen es, um uns nicht zu überschätzen und dann auch nicht zu verzweifeln. Das Gebet stärkt unser Gottvertrauen.  Und jedes Gebet hilft uns, andere Menschen zu achten. Sie sind Kinder Gottes wie ich.
Bleiben Sie gut behütet und verbunden mit Gott und untereinander.
Ihre Pfarrerin Barbara Renger, Schweinfurt St. Johannis

alle Online-Andachten

alle Online-Andachten: Klick hier

Die aktuelle Andacht auch telefonisch anhören unter 09721-3701193