Der Kämpfer ist ein Kind

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Liebe Schwestern, liebe Brüder,
 
wie fühlt man sich in einer Zeit, in der es so viele Unsicherheiten gibt?
 
Behalte ich meine Arbeit?
Schaffen wir das mit dem weniger an Geld?
Bleiben wir gesund?
Wie lange dauert das alles noch?
Wann kann ich meine geliebten Menchen wieder, die nicht bei mir wohnen, wieder in die Arme schließen?
Wie wird unsere Welt aussehen - nach Corona?
 
Ofter habe ich auch diese Gedanken. Und wenn ich zu lange bei diesen Gedanken verweile, dann fühle ich mich machtlos, klein, umhergebeutelt.
 
Was also tun? Meine Ablenkung ist es zu nähen - Facies nähen. Schutzmaske darf man ja nicht mehr sagen, weil das einen geschützten Begriff der Medizin darstellt. Dafür kann man abgemahnt werden. Das kann sogar einen Prozess nach sich ziehen. Also nähe ich Facies. Jeden Tag sitze ich an meiner Maschine und nähe kostenlos für den Pflegedienst meines Sohnes, ehrenamtliche Helfer, für meine Kollegen, die in der Schule Notbetreuung machen, für Freunde, für Familie... Ich nähe und nähe.
 
Ich weiß, dass dieses Tun mich gerade davor bewahrt schwermütig zu werden. Es bewahrt mich davor mich in meinen Ängsten zu verlieren. Es ist etwas greifbares, ganz reales, das ich tun kann.
 
Vielleicht fragen sich jetzt manche, ob ich nicht auch einfach beten könnte. Gott meine Ängste geben könnte. Auf Gott vertrauen könnte, dass schon alles gut wird.
 
Glauben Sie mir, ich bete. Nur wissen Sie, in Krisenzeiten sind eigentlich unsere Kirchen voll. Menschen treffen sich und teilen gemeinsame Ängste, Sorgen und Nöte. Als ich in Wildflecken in der amerikanischen Kirchengemeinde angestellt war, war jeder Gottesdienst zur Zeit der Kuwaitkrise überfüllt. Familien beteten für ihre Angehörigen, die in das Kriegsgebiet geschickt wurden. Unsere Terminkalender waren voll mit Seelsorgeterminen. Unsere Pfarrer und Rabbis arbeiteten 7 Tage die Woche über Monate.
 
Dieser Trost ist uns nun in Zeiten von Corona verwehrt. Nein, es gibt keine Gottesdienste in der Kirche, die ich besuchen kann. Nein, auch Seelsorgegespräche sind von Angesicht zu Angesicht nicht möglich. Die menschliche Nähe, die wir für so selbstverständlich genommen haben, ist ausgesetzt.
 
Also fühle ich mich allein - auch in tiefem Vertrauen an meinen Vater im Himmel, von dem ich weiß, dass er mich hält, dass er mich liebt und trägt. Und doch fehlt mir die Nähe zu den Menschen, die mir vertraut sind. Das schnelle "Ich komm mal kurz vorbei!" Eine liebevolle Umarmung.
 
Facies nähen hält mich gerade am Laufen. Es gibt mir das Gefühl etwas zu tun, das sinnvoll ist, gerade bezogen auf die Diskussion, ob Maskenpflicht oder nicht.
 
Nun meine Frage an Sie, liebe Schwestern, liebe Brüder: Was hält sie am Laufen? 
 
Ich mag in meinem Tun auf andere stark wirken. Und ja, wenn ich an der Nähmaschine sitze und etwas sinnvolles tue, dann habe ich zumindest das Gefühl, etwas tun zu können - nicht ganz hilflos zu sein, ausgeliefert zu sein.
 
Doch in den stillen Momenten merke ich immer wieder - der Kämpfer in mir ist ein Kind, der bei seinem Vater im Himmel Ruhe und Geborgenheit sucht. Dann klettere ich auf seinen Schoß und flüchte mich in seine Arme...
 
...denn der Kämpfer in mir ist ein Kind.
 
Bleiben Sie wohlbehütet,
 
Ihre
Michaela Lynes

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