Die verlorene Tochter

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Liebe Schwestern und Brüder,
 
in meinen Teenagerjahren wurde mir in Deutschland alles zu eng. Ich wollte raus aus der Enge der Familie, raus aus der Enge der Kleinstadt, aus ihren Zwängen. Ich wollte etwas erleben. Und nach vielen Diskussionen, nach viel Streit und fürchterlichen Auseinandersetzungen gaben meine Eltern nach. Heute weiß ich...sie wollten mich nicht verlieren. 
 
Ich durfte nach Amerika! Das Land meiner Träume, meiner Sehnsucht, Weite, Möglichkeiten, mich beweisen zu können, tun zu können, was ich für richtig hielt, was ich wollte...
 
Kommt Ihnen die Geschichte bekannt vor? Wir kennen die Geschichte aus der Bibel "Der verlorene Sohn". Nun ging ich nicht nach Amerika mit einer Erbschaft. Das nicht, ich würde arbeiten müssen für meinen Unterhalt. Aber auch das war doch Freiheit!!!
 
Der Gedanke, dass nicht alles so einfach sein würde kam mir erst, als ich meinen Vater an der Gate im Frankfurter Flughafen weinen sah. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals und ein erster Zweifel beschlich mich. Doch schnell schluckte ich den Kloß herunter - das Abenteuer wartete und ich wollte es mir auf keinen Fall entgehen lassen.
 
Und Amerika empfing mich mit Sonnenschein, mit Weite, so unvorstellbar. Als ich von der Familie, bei der ich bleiben sollte, abgeholt wurde, empfing mich eine klirrende Kälte am Chicagoer Flughafen, aber auch Sonnenschein, der den frisch gefallenen Schnee in ein Meer aus Kristallen verwandelte. Es war wunderschön und schien mir unglaublich verheißungsvoll.
 
Selbst als ich nicht im Haus, sondern in einer kleinen Kate untergebracht wurde, war das aufregend. Mein erstes eigenes Zuhause! Ich richtete mich ein, putzte und schrubbte Möbel, Böden, Schränke, Geschirr und lernte den Holzofen zu befeuern, der die einzige Wärmequelle in der Kate war. Fließend warm Wasser gab es nicht. Eine Pumpe förderte kaltes Wasser in ein Waschbecken in dem Bereich der Küche. Das Wasser musste erhitzt werden und dann in eine Wanne getragen werden, die zusammen mit der Toilette hinter einem Vorhang versteckt war, wenn man Baden wollte. Zum Glück hatte die Wanne einen Ablauf.
 
Zum Mittagessen unter der Woche ging ich immer ins Haupthaus, doch die anderen Mahlzeiten nahm ich alleine ein. Schnell erfuhr ich, wie einsam Freiheit sein kann. Die Kühe, die ich versorgen durfte, wurden zu Gesprächspartnern. Besonders eine Kuh hatte es mir angetan. Ihr Name war Slim. Sie war ein sehr sanfter Geselle und wenn man mit ihr die Dose Limo teilte und ihr einen Kaugummi gab, war sie sanft wie ein Lamm und legte ihren schweren Kopf auf meine Schulter. Viele Tränen rannen in ihren großen, warmen Hals. Ihr durfte ich auch bei der Geburt ihres Kälbchens beistehen. Ein unglaubliches Erlebnis.
 
Nun hört sich das ja alles so an, als hätte ich nie etwas anderes getan als Kühe zu versorgen, zu melken, Kälbchen auf die Welt zu bringen... Nun, dem ist überhaupt nicht so. Bevor ich in die USA kam, kannte ich Kühe nur von weitem. Hatte nie auch nur im entferntesten etwas mit ihnen zu tun. Einen Stall ausmisten, Euter abwaschen, Melkmaschinen anlegen, ... all das war mir vollkommen neu! Aber auch das war aufregend. Es war immer warm im Stall und die Kühe begrüßten mich mit ihrem Muhen jeden Morgen und jeden Abend. Das Radio spielte Country Musik...
 
Wenn nur das Heimweh mich nicht so sehr geplagt hätte. Abende alleine, ohne Freunde, ohne Familie, auch ohne Fernseher oder ein Kartenspiel. Der nächste Nachbar 8 km entfernt. Die nächste Stadt 24 km entfernt. Die Familie im Haupthaus blieb weitestgehend unter sich. Wie gesagt, ich sah sie nur zum Mittagessen von Montag bis Freitag. Manchmal auch, wenn ich den Holzofen nicht in Gang bringen konnte. Dann kam der Hausherr und half schnell aus. Um meine Zeit zu füllen, schrieb ich Briefe und einmal im Monat telefonierte ich mit meiner Familie.
 
Plötzlich erschien mir mein Zuhause in Deutschland nicht mehr eng - sondern gemütlich.
Die Gespräche mit den Eltern und den älteren Geschwistern waren nicht mehr bevormundend - sondern interessiert.
Die Zwänge der Kleinstadt waren, aus der Ferne betrachtet, ein Halt, der mir jetzt fehlte.
Tun und lassen zu können, was man wollte, war anstrengend, denn man musste ja selber alles tun. Keine Mama, die Essen kochte, Wäsche wusch, tröstete, einen in den Arm nahm...
 
Freiheit bekam einen schalen Geschmack. Ich wollte heim und konnte den Tag kaum erwarten, an dem ich wieder in den Flieger steigen durfte gen Deutschland. Meine Eltern waren am Flughafen. Wir weinten vor Freude und hielten uns lange fest umarmt. Ich war Zuhause.
 
Ich erzählte meinen Eltern von meiner Einsamkeit, von meinem Stolz und ich bat um Vergebung... doch nicht einmal kam ein Wort des Tadels über ihre Lippen. Nicht einmal "Du wolltest ja nicht hören" oder "Das haben wir dir gleich gesagt". Nein, da war nur grenzenlose Liebe, Vertrautheit und angenommen sein.
 
Noch heute bin ich dafür wirklich dankbar. In dieser Liebe war ich geborgen. Genau so wird die Liebe unseres himmlischen Vaters beschrieben. Ja, bis heute fühle ich eine tiefe Dankbarkeit, dass ich dies erleben durfte. Ich war die verlorene Tochter, die, ohne ein Wort des Vorwurfs, wieder willkommen geheißen wurde - trotz des Streits und des Kummers, den ich verursacht habe.
 
Wenn menschliche Liebe - Elternliebe - so unendlich tief sein kann, wieviel tiefer ist dann erst die Liebe unseres himmlischen Vaters. Das Lied, das sie hören werden ist diesmal auf Englisch. Doch es ist die Geschichte des "verlorenen Sohnes", bzw. der "verlorenen Tochter", die den Wunsch nach Freiheit hat und dann erkennt, dass ihre Freiheit Zuhause zu finden ist.
 
Bleiben Sie gesund und wohlbehütet
Ihre 
Michaela Lynes
 

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