Ein Bogen, der hält

Kurz-Andacht zu Seneca: Briefe 95, 53

Seit Ende April die Uni wieder losgegangen ist, ist auch ein Alltag wieder eingekehrt. Aber was für ein Alltag? Er ist so anders als ich ihn kenne. Ja – ich habe wieder einen geregelten Tagesablauf. Ja – ich habe meine Vorlesungen und Seminare. Ja – ich sehe alle meine Dozierenden und Kommiliton_innen, auch wenn das davon abhängt, ob das Internet mitspielt. Also: eigentlich ist es doch gar nicht so anders, oder?

Doch, irgendwie schon. Der Inhalt meines Alltags ist zwar der gleiche, aber mir geht das Gerüst ab. Irgendwie fehlt der Rahmen. Ja – ich habe wieder einen geregelten Tagesablauf, aber ohne meine Freund_innen zwischendrin zu sehen, die ihn lebendiger werden lassen. Ja – ich habe meine Vorlesungen und Seminare, aber nicht im Hörsaal, sondern in meinen eigenen vier Wänden. Ja – ich sehe meine Dozierenden und Kommiliton_innen, aber sobald ich auf „Sitzung beenden“ klicke, sind alle wieder weg, als hätte mein Laptop sie verschluckt.

Und dann bin ich neulich während der Vorbereitung für ein Seminar auf diesen wunderschönen Satz aus Senecas Briefen gestoßen:

Seien wir solidarisch: für die Gemeinschaft sind wir geboren; unsere Gemeinschaft gleicht einem Bogen aus Steinen, der zusammenbräche, wenn die Steine einander nicht stützten, und eben dadurch gehalten wird.

Was für ein schöner Vergleich! Eine Gemeinschaft als Steinbogen, für den jeder einzelne Stein wichtig ist, wo jeder einzelne Stein den anderen stützt. Das lässt mich nochmal überlegen:

Mein Rahmen, oder doch besser der Bogen um meinen Alltag, ist noch da. Ich sehe meine Freund_innen zwar nicht in Person, aber sie sind da. Ich habe doch trotzdem Kontakt zu ihnen und ich weiß, dass es ihnen genauso geht wie mir. Und so stützen wir uns gegenseitig. Ich bin zwar in meinen eigenen vier Wänden, aber wie schön ist es, dass ich meine Kommiliton_innen und Dozierenden während des Seminars zu Gesicht bekomme. Ich weiß doch, dass es ihnen genauso geht wie mir. Und so stützen wir uns gegenseitig. Ich bin nach der Vorlesung zwar wieder alleine in meinem Zimmer, aber ich weiß doch, dass ein paar Kilometer entfernt meine Freund_innen in der gleichen Situation sind und es ihnen genauso geht wie mir. Und so stützen wir uns gegenseitig. Einfach nur, weil wir wissen: Wir sind gar nicht allein. Der Bogen ist ja nicht einfach zusammengebrochen. Da ist immer noch jeder Stein an seinem Platz und hilft dem anderen, an seinem zu bleiben.

Danke, Gott! Danke, dass Du uns einen Bogen gibst, der nicht auseinanderfällt, bloß weil Entfernungen zwischen uns liegen. Danke, dass wir Gemeinschaft leben können und miteinander verbunden sind, obwohl wir Abstand halten. Danke, dass wir uns gegenseitig Halt geben und stützen können.


 

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