Gott leidet mit

Liebe Leserinnen und Leser,

„Der schreit ja gar nicht!
Das muss doch furchtbar weh tun“

Der kleine Junge steht mit weit aufgerissenen Augen unter dem Kreuz.
Er zeigt mit seinem Finger auf das große Kreuz mit Jesus, das im Altarraum der Kirche hängt.
Er starrt die Jesusfigur an, die am Kreuz hängt.
„Der schreit ja gar nicht!“
„Der kann doch nicht schreien, der ist nicht echt,“ sagt ein Mädchen.

Ich bin mit einer Gruppe Kinder auf Entdeckungsreise durch eine Kirche.
Manche von ihnen hatten noch nie eine Kirche von innen gesehen.
Und nun sind die Kinder am Entdecken.
Die Kinder teilen laut und wild durcheinander ihre Eindrücke und Gedanken mit.

„Aber der echte Jesus, der hat bestimmt geschrien,“ wirft ein anders Mädchen ein.
„Die Nägel in den Händen, das ganze Blut, das war bestimmt furchtbar.
Hat bestimmt furchtbar weh getan!“
„Da hat er auch geschrien!“
„Warum hängt der da?“
„Weil böse Menschen ihn dahin gehängt haben.“
„Das dürfen die doch gar nicht.“
„Haben es aber trotzdem getan.“
„Meine Oma sagt, es war Gott, der ihn ans Kreuz genagelt hat.“
„Das kann der Gott doch gar nicht!?“
„Das darf der gar nicht!“
„Außerdem ist Gott doch lieb!“

„Also, warum hängt der da?“
„Hat er geschrien?“

Die Blicke der Kinder wandern erwartungsvoll zu mir.
Jetzt erwarten sie eine Antwort von mir.
„Ja, ich denke, Jesus hat bestimmt geschrien, als er da am Kreuz hing.
Die Bibel erzählt uns, dass er laut geschrien hat.
Und laut geschrien hat:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

„Da hat er recht, das ist gemein von Gott!“, fällt ein Junge mir ins Wort.
„Ich glaube, Jesus war furchtbar verzweifelt.
Furchtbar einsam.
Und hatte furchtbare Schmerzen.
Aber ich glaube auch, Gott hat ihn nicht verlassen.
Ich glaube, Gott hat den Schmerz von Jesus mit gespürt, seine Verzweiflung, seine Einsamkeit.“

Die Kinder schauen mich skeptisch an.
„Meine Mama sagt auch immer, wenn ich mir weh tue, es tut dann auch ihr weh,“ meint ein Mädchen nachdenklich.
„Ja, das war wohl mit Jesus und Gott so ähnlich,“ antworte ich “und das kann uns auch trösten.

Es ist Karfreitag und an diesem Tag bedenken wir als Christinnen und Christen den Tod Jesu am Kreuz.

Dort, am Kreuz von Golgatha, da hängt nicht einfach ein Mensch.

Nein, da hängt Gott selbst.
Der mit uns Menschen leidet.
Gott hängt am Kreuz.
Gott geht in den Tod.

Das ist der unbegreifliche Hintergrund des Schreies Jesu:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Gott verlässt sich selbst.

 

Gott ist ganz unten, in der Tiefe des Todes.
Es kann Angst machen, Gott so zu sehen.

Aber:
Gott ist bei denen, die leiden,

bei den Mutlosen,

bei den Verzweifelten,

bei denen die Angst umtreibt,

bei denen, die am Ende ihrer Kräfte sind,

bei denen, die vor Schmerzen schreien,

bei den Sterbenden.

Leid bleibt uns nicht erspart.
Wir Menschen erfahren es so furchtbar in diesen Tagen auf der ganzen Erde.

„Der schreit ja gar nicht!
Das muss doch furchtbar weh tun“
Ja, es wird geschrien in diesen Tagen, laut und ganz leise.
Ja, und vieles tut furchtbar weh.

Dass Gott mit uns leidet, kann für Menschen ein Trost sein.

 

So geleite Sie der Segen Gottes:

 

Der Herr segne euch und behüte euch,

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig,

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch

und gebe euch Frieden.

Amen

 

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