Lichtblick? Licht-Blick.

Liebe Zuhörende,

heute nehme ich Sie mit in die St. Johanniskirche:

Sonntagmorgen. Es ist 9.45 Uhr, eine dreiviertel Stunde noch bis zum Gottesdienst. Ich gehöre zum Sicherheitsteam, zu denen, die dafür sorgen, dass alle, die heute kommen, mit dem nötigen Abstand mitfeiern können und die Kirche kein Hotspot wird. Wer von uns weiß schon, ob man zwar selber noch nichts spürt, aber schon für andere ansteckend ist? Das Corona-Virus ist heimtückisch, wissen wir jetzt. Also: 1,5m um sich herum beim Laufen; beim Sitzen und Singen 2m.

Das Team richtet alles Nötige her. Wir tragen Mund-Nasen-Schutz und halten Abstand. Miteinander reden tut gut, und miteinander lachen. Auch die, die jetzt allmählich dazukommen, freuen sich, ein Wort zu wechseln. Aber das Virus bleibt präsent.

Beim Sitzen dann sehe ich von der Seite aus in die Bankreihen und frage mich: Soll es das sein, Gott? Warum lässt du uns so allein sitzen, im wahrsten Sinn des Wortes? So, dass manche lieber gleich zuhause bleiben, auch allein, weil sie Sorge haben um ihre Gesundheit; oder weil sie warten wollen, bis der Gottesdienst wieder anders wird. Wann wird es anders? Wo ist der Lichtblick?

Der Blick in die Abstandslöcher macht mein Herz schwer.

Aber dann beginnt die Musik. Der Klang der Orgel rührt mich an. Die lebendig-warmen Töne sind wie ein Streicheln für meine Seele und machen mir Gänsehaut. Es erreicht mich ganz anders, als wenn ich eine CD höre. Und dann singen wir - wenig, denn Singen gehört leider zu den besonders schwierigen Dingen im Moment, aber doch ein bisschen geht – ohne Maske, wie ist das schön!

Abstand von 2m zu den anderen, immer noch. Aber: die Schwere wird leichter.

Mein Blick fällt auf die Kanzel. Wegen der Aerosole bleibt sie leer in diesen Wochen, gepredigt wird von unten. Aber von dem Platz aus, an dem ich heute sitze, sehe ich das Lichtkreuz von Ludger Hinse leuchten zwischen der leeren Kanzel und dem Schalldeckel. Wie eine Verbindung hinauf zum Christus mit der Oster-Siegesfahne auf dem Kanzeldeckel ist es, tatsächlich eine Himmelsleiter, wie es ja auch heißt. Es leuchtet und zieht mich samt meiner Traurigkeit und Nachdenklichkeit mit da hinauf. Ja. Gut, mich zu erinnern an den, der die ganze Erdenschwere selber durchlebt und durchlitten hat bis hin zum Tod. Und besiegt.

Ich höre die Lesung, die Predigt, wir beten miteinander. Es tut mir gut.

„Da müssen wir jetzt durch“, heißt es in letzter Zeit immer wieder. Ja, das ist so. Vieles bleibt „anders“ und unsicher und schwer. Aber hier zu sein im Gottesdienst war voller Licht-Blick.

Ich weiß auch noch nicht, wo es hingeht. Aber doch das: dass Gott es immer wieder schafft, mich rauszureißen und mir Kraft zu geben. Nächstes Mal bestimmt auch.

Der Gottesdienst ist ein guter Start in die neue Woche. Auch so, wie er jetzt ist.

Gottes Behütung!

Pfarrerin Gisela Bruckmann, Schweinfurt – St. Johannis und St. Salvator

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