Liebenswert geduldig

„Geduld!“. Wie oft habe ich das in letzter Zeit gehört und selber gesagt? „Man muss Geduld haben!“. 

Einfacher gesagt als getan. Wo man sich doch sehnt nach „Normalität“. Die Lockerungen jetzt sind schon eine Erleichterung. Aber wann wird man sich endlich wieder treffen können ohne Beschränkungen, mit mehr Nähe, sich zur Begrüßung in den Arm nehmen, zusammensitzen ohne Abstand, fröhlich sein, Feste feiern, Musik machen, singen, ins Konzerte und Theater gehen! Manches fängt jetzt wieder an. Aber fühlt es sich denn auch irgendwann wieder richtig gut an? Wird es irgendwann wieder so frei wie vorher, dass man nicht dauernd hin- und hergerissen ist zwischen Sehnsucht nach Freiheit und Vorsicht? Keiner weiß, was wirklich „richtig“ ist jetzt, das neue Gefühl von Unsicherheit hat sich eingenistet und läuft mit. Und wenn man sich grade auf etwas eingestellt hat, kommen wieder neue Ansagen.  Ja – klar. Es ist halt ein Vorwärtstasten. Und Corona ist nicht vorbei, das wissen nicht nur die Nachrichten aus anderen Ländern, sondern die unterschiedlichen Hotspots bei uns sprechen auch ihre deutliche Sprache. – Das mit der Geduld kann ganz schön bitter schmecken. Und manchmal macht es mich richtig unzufrieden. 

Aber es wird uns noch länger begleiten und herausfordern. Also los dann, sage ich mir: „Hab Geduld!“

„Geduld ist nicht die Fähigkeit zu warten, sondern die Möglichkeit, beim Warten gut gelaunt zu bleiben!“  Ich stehe in einem Geschäft und lese den Spruch an der Wand. 

Er bringt mich ins Nachdenken. Ja, stimmt. Das ist die eigentliche hohe Kunst: Nicht  etwas mehr oder weniger resigniert hinnehmen nach dem Motto: da muss ich halt jetzt durch. Und sauertöpfisch in den Tag schauen, sodass andere mitleiden und auch runtergezogen werden. Sondern „beim Warten gut gelaunt bleiben“. Liebenswert geduldig sein.

Aber wie geht das? 

Gelassenheit brauche ich dazu. Geborgenheit. Rückenstärkung. 

Der Glaube hilft mir dazu. Mich erinnern an Gottes Zuspruch und ihn mir gesagt sein lassen: „Mensch, ich mag dich! Und ich bin da. Komme, was wolle. Ich gebe dich nicht auf. Also gib auch du nicht auf!“ 

Futter für die Seele, das mich ruhig macht und mir wieder zu meinem Gleichgewicht hilft. 

Nicht, dass damit dann einfach alles leichter wird. Aber das Warten wird wieder leichter. Und mein Blick auf die Dinge und auf die Menschen wieder freundlich. Geduldiger. Es hilft mir, aufrechter zu gehen, sodass ich nicht vordringlich die Lasten des Lebens, sondern das Schöne sehen kann. Und gut gelaunt geduldig warten kann.

Nicht jeden Tag gleich gut. Aber immer wieder. 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Pfarrerin Gisela Bruckmann, Schweinfurt – St. Johannis und St. Salvator

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