Mit den Augen meiner Kindheit - Ich richte mich neu aus

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Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind. Als ich aber erwachsen war, hatte ich das Wesen des Kindes abgelegt.(aus dem 1. Kor Brief)

Aber Jesus sprach: Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Himmelreich.

Matthäus 19:14 

 

Liebe Schwestern,

liebe Brüder,

eine Auszeit – in unserer schnelllebigen Zeit wünschen wir uns doch genau das – eine Auszeit. Wie oft habe ich mir gedacht, dass ich nach dem Urlaub eigentlich noch einmal Urlaub vom Urlaub bräuchte.

Und jetzt wurden wir einfach entschleunigt. Es war nicht meine Wahl. Es war nicht meine Entscheidung. Es wurde mir einfach übergestülpt. Von heute auf morgen keine Schule mehr, von heute auf morgen keine sozialen Kontakte mehr, außer denen im eigenen Haus.

Wir dankbar bin ich für jeden einzelnen Mitbewohner in meinem Haushalt. Wie dankbar bin ich für meinen Garten, für die modernen Kommunikationsmöglichkeiten, die wir heute haben, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Sie sogar sehen zu können per Videochat, auch über Kontinente hinweg oder eben nur ein paar Kilometer.

Und genau diese Gedanken bringen mich zu meiner Jugendzeit. Wie anders war es doch damals. Telefonieren war teuer. Es gab keine Flatrate, mit der man so viel anrufen konnte, wie man wollte. Ich erinnere mich gut an meine Zeit in Amerika, in der mich das Heimweh fürchterlich quälte. Ich war gerade 16 Jahre alt, als ich für ein halbes Jahr nach Amerika ging.

Die Familie, in die ich kam, war nicht gerade sehr offen und freundlich und es gab, besonders von der älteren Generation, ziemliche Anfeindungen gegen ein Mädchen aus Deutschland. Der Großvater hatte im Krieg gegen die Deutschen gekämpft. Mein Stand war also kein leichter. Umso mehr schrieb ich mit meinen Eltern, aber Briefe per Luftpost dauerten oft 7-10 Tage. Diese Wartezeit erschien mir ewig.

Einmal im Monat konnte ich es mir leisten, von einer Telefonzelle aus nach Hause anzurufen. Die ersten drei Minuten kosteten 5 US Dollar und jede weitere Minute 1 US Dollar. Unsere Anrufe mussten sich auf das Nötigste beschränken, bekam ich doch nur ein Taschengeld, von dem ich diese kostbaren Anrufe abzwackte.  Bis wir erzählt hatten, wie es uns ging, war schon wieder Zeit aufzulegen. Anekdoten aus dem Alltag beschränkten wir auf die Briefe, die auf Luftpostpapier geschrieben wurden, denn auch das Porto war teuer.

Nach einem halben Jahr freute ich mich riesig auf Zuhause, auf alles Vertraute, auf die Menschen, die mich liebten, einfach, weil ich, ich war. Ich erinnere mich noch gut, wie ich voller Staunen und Verwunderung durch den Garten gegangen bin und mich an den Büschen und Bäumen erfreute, die ich schon ewig kannte. Ich erinnere mich noch gut, dass ich mich an den Bach gesetzt habe und die Füße in das klare Wasser eintauchte. Es war himmlisch, es war vertraut – es war Zuhause! Das erste Mal wieder Fahrrad zu fahren, den Wind in den Haaren und auf der Haut zu spüren – ach, einfach herrlich!

Warum erzähle ich Ihnen das? Vieles, was uns ganz vertraut ist, fehlt jetzt. Die Nähe zu den Menschen. Die gewohnten Abläufe der Arbeit, die Gespräche von Angesicht zu Angesicht mit Kollegen, Freunden und Familie. Der einfache Ausflug, der Kino- oder Schwimmbadbesuch.

Doch vielleicht können wir diese Zeit auch nutzen, um uns klar werden zu lassen, was uns wichtig ist, was unser Herz bewegt, was ein Zuhause zu einem Zuhause macht?! Vielleicht merken wir auch, welche Beziehungen tragfähig sind aus der Ferne. Welche Beziehungen zwar ganz nett waren vor Corona, aber nun sich mehr und mehr verlieren. Es ist eine Zeit der Besinnung, der Neubewertung, vielleicht sogar der Neuorientierung.

Vielleicht sollten wir sogar einen Schritt zurück machen und in unsere Erinnerung gehen. Was war damals schön? Was war damals wichtig? Wo habe ich mich Zuhause gefühlt. In dem Lied „Mit den Augen meiner Kindheit“, gesungen von meinem Mann und mir, gehe ich in meinen Erinnerungen zurück. Vielleicht hilft dieser Rückblick bei der Neuorientierung nach vorne in die Zeit nach Corona.

Und ja, vielleicht merken wir sogar, dass diese erzwungene Auszeit ein Segen sein kann. Wollen Sie nicht auch einen Blick in die Vergangenheit wagen, um sich neu auszurichten?

Bleiben Sie gesund und wohlbehütet.

Michaela Lynes

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