nur ein Koffer

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

In einer Talkshow auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 erzählte eine Frau von ihrem ganz anderen Leben: Bis auf einen Koffer mit dem Nötigsten hat sie allen materiellen Besitz weggegeben. Sie lebt ganz ohne Geld. Gegen Kost und Logis hütet sie Häuser und Wohnungen, hilft im Haushalt, bei der Pflege oder bietet ihre Dienste als Psychologin – die sie ihrer Ausbildung nach auch ist - an. Sie sagt, zurzeit sei das noch mehr ein Tauschen, ihr Ziel aber sei es zum Teilen zu kommen. Jeder bringt ohne aufzurechnen ein, was er oder sie hat, damit alle gut leben können.

Ganz ehrlich, ich würde es zumindest im Moment nicht wagen so zu leben. Auch wenn ich jetzt bei meinem Umzug wieder gedacht habe: Man hat viel zu viel Zeug und es wäre ganz praktisch, das ganze Leben würde einfach nur in einen Koffer passen.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ein solches Wirtschaften in großem Maßstab wirklich funktioniert. Aber ein so ganz anderer Lebensentwurf zeigt doch: Es könnte vielleicht auch anders gehen. Vielleicht so ähnlich wie es in der Apostelgeschichte über die erste christliche Gemeinde in Jerusalem heißt:

Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam… und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Das ist natürlich ein idealisiertes Bild. Schon bald danach wird von Konflikten in der Gemeinde berichtet, gar von Betrug und dem Versuch der Gemeinde Geld vorzuenthalten. Und doch: In diesem Idealbild einer christlichen Gemeinde steckt ein Stachel, der uns keine Ruhe lassen soll. In dieser Utopie verbirgt sich die tiefe Sehnsucht nach einem anderen, einem neuen Leben, letztlich nach dem Reich Gottes.

Seit Beginn der Coronakrise wird immer wieder gefragt, ob darin nicht auch eine Chance für uns liegen könnte. Die Chance darauf ein neues, ein anderes Leben zu entdecken. Saubere Luft über China, für manche weniger Termine, durch Home-Office und Videokonferenzen deutlich weniger Zeit, die auf der Straße oder im Flugzeug auf Dienstreisen verbracht wird.

Vielleicht entdecken wir: Es geht auch mit weniger. Weniger Events, weniger Reisen, weniger Dingen - vielleicht sogar besser. Dafür mit mehr Solidarität und Verständnis füreinander. Vielleicht könnte unser Leben anders aussehen, als wir es kennen? Vielleicht ist es gar nicht so alternativlos, wie es uns oft erscheint?

Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam… und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Das Bild, das die Apostelgeschichte von der ersten christlichen Gemeinde zeichnet, enthält keine Vorschriften oder Ermahnungen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Kraft des Heiligen Geistes und die Fülle der Gnade, die in der Gemeinde Jesu Christi spürbar wirksam und lebendig sind. Ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist auch in uns und in unseren Gemeinden wirksam ist bis heute. Dass er in uns und unter uns wohnt und uns, unser Leben und die Welt verändern kann. Nichts muss so bleiben wie es ist.

Gott hat uns viel anvertraut. Mal sehen, was der Heilige Geist in uns und unter uns daraus macht!

Einen guten Tag noch, wünscht Ihnen

 

Pfarrerin Barbara Renger, Schweinfurt St. Johannis

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