Staunen

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Liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer,

wann haben Sie eigentlich das letzte Mal so richtig gestaunt? Also so, dass Ihnen regelrecht der Mund offen stehen geblieben ist? Dass Sie ganz gefangen waren von dem Eindruck, der Sie staunen gemacht hat?

Warum ich das frage? Dorothee Sölle, eine evangelische Theologin, die vor wenigen Jahren verstorben ist, hat das Staunen als einen Weg zur Begegnung mit Gott gesehen: Wenn ich fasziniert, wenn ich ergriffen bin von etwas, das mir unerwartet begegnet, wenn ich also staune, öffne ich mich für eine neue Erfahrung. Ich werde ergriffen von etwas, das mich aus mir selbst herausholt. Mein Horizont erweitert sich. Ich werde in eine neue Welt hineingeführt, ja in ein neues Universum.

Bei meinem Spaziergang neulich in der Frühlingssonne unter blauem Himmel entdeckte ich einen Apfelbaum, der gerade aufblühte. Ich fühlte mich von ihm angezogen. Ich musste vor ihm stehen bleiben und ihn ansehen. Bei seinem Anblick ging mir das Herz auf. Ein Zweig hing zu mir herunter. Ich sah daran mehrere Knospen und erste Blüten. Die Knospen leuchten mir in einem intensiven Pink entgegen. Die Blüten, in einem zarten Rosa. Die beiden Farben bildeten einen kraftvollen Kontrast. In der Mitte der Blüten zwischen den Blütenblättern konnte ich die feinen Staubgefäße erkennen und die Nabe, aus der sich einmal die Frucht entwickeln würde. Wie wunderschön ist jede einzelne von Ihnen. Wie schön ist dieser blühende Zweig. Wie herrlich ist dieser Baum vor dem strahlend blauen Himmel!

In einem solchen Moment ist kein Raum in mir für andere Gedanken oder Gefühle. Ich bin ganz hingerissen von dieser Schönheit. Horche ich in mich hinein, entdecke ich da vor allem zwei Gefühle in mir: Ehrfurcht und Dankbarkeit. Ehrfurcht, denn mit allem, was ich bin und kann, wäre ich nicht im Stande, etwa ähnlich Wunderbares zu schaffen, wie diese blühende Pracht. Dankbarkeit, denn ich fühle mich reich beschenkt, dass ich diesen Baum mit seinen Knospen und Blüten betrachten darf, dazu den Blütenduft einatmen und den lauen Wind und die wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüren. Und außerdem spüre ich ein starkes Gefühl von Verbundenheit mit der Schöpfung.

Für mich sind solche Momente Erfahrungen der Gottesnähe. Gott schenkt sich mir in solchen Augenblicken. Er schenkt sich mir in der Schönheit der Knospen und Blüten, er schenkt sich mir im lauen Frühlingswind und im Blütenduft.

Der italienische Mystiker Franz von Assisi hat in seinem Sonnengesang gebetet:

Höchster, allmächtiger, gütiger Herr, Dein sind Lob und Herrlichkeit und Ehre und aller Segen.

Gelobt seist Du, mein Herr, mit allen Deinen Geschöpfen, besonders der Schwester Sonne, die den Tag bringt und durch die Du uns das Licht gibst. Und schön ist sie und strahlt in hellem Glanz; Deine Größe, o Höchster, verherrlicht sie.

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Mond und die Sterne; so leuchtend und klar und schön hast Du sie am Himmel erschaffen.

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteres und jedes Wetter, durch welche Du Deine Geschöpfe am Leben erhältst.

Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, welche uns trägt und ernährt und allerlei Früchte wachsen lässt und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist Du, mein Herr, durch jene, welche aus Liebe zu Dir Verzeihung üben, Mühsal mit Geduld und Betrübnis mit Fröhlichkeit des Geistes tragen. Selig jene, die ausharren in Frieden, denn von Dir, o Höchster, werden sie die Krone empfangen.

Liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, ich lade Sie ein zu einem Frühlingsspaziergang. Gehen Sie hinaus, wo es grünt und blüht. Gehen Sie ohne jede Erwartung. Aber lassen Sie sich faszinieren. Lassen Sie sich berühren und einfangen von den Zeichen des Lebens, die Ihnen dort geschenkt werden. Mehr brauchen Sie gar nicht zu tun. Alles andere ergibt sich dann von selbst. Sie werden dann für eine Weile in eine andere Welt versetzt, in ein anderes Universum. Und Sie werden spüren, wie es Sie verwandelt, und dass Sie anders wieder zurückkehren.

Ich lade Sie ein, das Vaterunser mit mir zu beten: - Vaterunser

Der Herr segne Dich und behüte Dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.


 

Gedanken von Steffen Lübke, Pfarrer für Krankenhaus-, Gäste- und Rehaseelsorge in Bad Kissingen

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