Wo bin ich zuhause?

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sommer 2018, deutsche Besucher in London mit einem Gästeführer im Bus unterwegs. Er ist Deutscher, lebt seit einer Reihe von Jahren in London. Toll, wie er diese Führung macht.

Natürlich wird er auch gefragt, wie es ihm ergeht angesichts des bevorstehenden Brexit. Wo wird er dann sein? Er kann nicht mehr so einfach wie bisher als Deutscher in London bleiben. Seine Antwort: „Ich werde die britische Staatsbürgerschaft beantragen.“

Wo sind Sie zuhause? In Schweinfurt? In einer anderen Stadt, einem Dorf? In Deutschland? In einem anderen Land? Und warum? Weil Sie dort geboren sind? Oder weil Sie sich dort zuhause fühlen?

Oder fühlen Sie sich letztlich bei Ihrem Partner, bei Ihrer Partnerin zuhause und der Ort auf der Landkarte spielt keine Rolle? Eine Frau, die aus Siebenbürgen stammte, sagte mir einmal: „Ich will die alte Heimat nicht mehr besuchen. Das Wichtige sind die Menschen, und die sind nicht mehr da.“

Wer die Frage nach der Heimat so beantworten kann, ist in der Lage, wirklich an ganz verschiedenen Orten auf dieser Erde zu wohnen. Es sind ja viele Menschen, die beruflich an wechselnden Orten tätig sind, und dort durchaus auch jeweils längere Zeit wohnen. Oder ich denke an Menschen, denen das Land ihrer Geburt genommen wird, weil sie von dort vertrieben werden.
Dann denke ich auch an die Menschen, die auf unbestimmte Zeit aus dem Land, in dem sie gelebt haben, geflohen sind, weil sie dort verfolgt wurden. Sie haben ihre Heimat im Herzen behalten, wollen auch zurückkehren.

Eine ganz andere Antwort auf die Frage nach der Heimat gibt der Apostel Paulus den Christen in Philippi: „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel“ (Kapitel 3, Vers 20).
Keine leichte Antwort. Es geht eben nicht um einen Ort auf der Landkarte. Es geht auch nicht um einen Menschen. Es geht um Gott, um seinen Machtbereich. Da ist Heimat der Christen. Da bei Gott dürfen Christen sein, vollwertig und vollgültig. Bürgerrecht haben sie da.

Wo wir in dieser Welt Bürgerrecht haben, da sind wir Staatsangehörige, da haben wir Aufenthaltsrecht, das Wahlrecht, wir stehen auch unter der Fürsorge und dem Schutz des Staates. Ich denke an den Fremdenführer in London, der die britische Staatsangehörigkeit beantragen wollte. Dann hat er das Bürgerrecht. Oder vor einigen Monaten, als die Bundesregierung Tausende deutsche Urlauber aus aller Welt nach Hause holte – Schutz und Fürsorge.

Bürgerrecht im Himmel: im Machtbereich Gottes ein Aufenthaltsrecht haben, unter Gottes Schutz stehen. Gott sorgt für mich.

Es geht beim Bürgerrecht sicher nicht nur um Äußeres: Wo ich Bürgerrecht habe, da bin ich auch gerne, da wohnt mein Herz – sonst könnte ich ja auswandern. Oder unser Fremdenführer würde nicht in London bleiben, sondern wieder nach Deutschland zurückkehren.

Wo Gottes Machtbereich ist, da bin ich zuhause.“ Da kommt mein Herz zur Ruhe, da fühle ich mich geborgen, da habe ich Grund unter den Füßen. Das gibt mir innerlich Halt. Dort bin ich gerne, dafür trete ich auch ein.

Übrigens heißt dies nicht, dass ich aus dem täglichen Leben fliehe in eine Welt außerhalb unserer Sinne, mit anderen Worten: in ein Jenseits. Keine Frage, dass Gottes Machtbereich auch dort ist, dort vollkommen ist. Aber ich kann mich dafür einsetzen, dass Gottes Machtbereich auch in dieser Welt mehr sichtbar wird, dass ein Stück Himmel auf die Erde kommt. Dann wird die Erde ein Stück wohnlicher.

Bleiben Sie gesegnet und behütet.

Ihr Pfarrer

Stefan Bonawitz

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