Zuversicht aus dem Seniorenheim

Bild des Benutzers Eva Loos

Unsere ersten Gottesdienstversuche in Dreieinigkeit sind für mich eher entmutigend. Doch es gibt auch Lichtblicke in den mühsamen Wiederbelebungsversuchen von Gottesdiensten. Für mich war dies ein Open-Air-Gottesdienst am 17. Juni im Pflegeheim Domizil, Draußen ist fast alles möglich, hält man Abstand und trägt Mund-Nasen-Bedeckung was in der frischen Luft viel leichter ist. Mit einer in der Betreuung tätigen Mitarbeiterin planten wir einen evangelisch-ökumenischen Gottesdienst. Mitarbeitende des Heimes organisierten alles. Es war die Woche, in der täglich viel Regen angesagt war. Sollten wir deshalb lieber verschieben? Doch der 17.06. war warm und trocken. Gegen 14:30 zogen dunkle Wolken auf, ab halb vier schüttele es wie aus Kübeln. Doch es war nur ein Schauer. Wir riskierten den Gottesdienst. Alles war ja bereit. Die Bewohner*innen hatten sich drauf gefreut und hielten deshalb fest die Daumen! 

Und wirklich, die Sonne kam rechtzeitig heraus. Ich war total überrascht: Im weitläufigen Garten saßen etwas zwanzig bis fünfundzwanzig Bewohner*innen, z.T. verstreut an ihren Lieblingsplätzen. Ein plätschernder Brunnen und viele Blumen sorgten für südliches Flair. Dazu eine entspannte Stimmung beim Gottesdienst, aber mir war auch etwas bange. Werde ich der besonderen Situation gerecht? Denn das Domizil ist das Pflegeheim, das in Schweinfurt am meisten von Corona getroffen und gebeutelt wurde. Viele Bewohner*innen und Mitarbeitende waren infiziert, zehn Bewohner*innen sind gestorben. Der Notstand und die Belastung aller waren sehr groß, doch alle haben beherzt und überaus engagiert mitgeholfen. Diese harten Wochen, im Kampf um Leben und Tod, mit Verlusten lieber Menschen, Überwinden des eigenen Krankseins oder Bewahrtwerdens haben tiefe Spuren hinterlassen und sicher Bewohner*innen und Mitarbeitende sehr eng verbunden  und eine tiefe Traurigkeit und Dankbarkeit in einem hinterlassen. Davon wusste ich und es war während des Gottesdienstes zu spüren. Sozusagen mit den Überlebenden und liebevoll um sie besorgten Betreuer*innen. 

Es passte gut, auf den Wochenspruch des kommenden Sonntag einzugehen: “kommt her zu alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Es wandte sich direkt an sie, gerade auch im Garten – der Brunnen, die frische Luft, die Gemeinschaft, bekannte Lieder wie “Geh aus, mein Herz“ und “Befiehl du deine Wege“, die alle gerne mitsangen. Wir dachten über Psalm 23 nach. Denn er passt in jede Lebenssituation, auch in die Coronaherausforderung. Immer ist Gott dabei, so wie es der Mensch braucht, es ihm guttut, im Glück, im Dunkeln. 

Es sind alles Bilder, die aus der Praxis des Hirten David kommen. Last oder Gefahr wird zwar nicht abgenommen, aber da ist einer, der mit dabei ist, auch im Dunkel, fast humorvoll ein Festmahl zubereitet, den Kopf mit Öl salbt, wie einen König und meine Feinde auf Abstand hält, sie müssen zuschauen und können nicht machen. Gott passt auf. Ich kann dennoch vertrauen, dass alles zum Guten dient und dass ich mit Gott im Leben und Sterben in seinem Hause verbunden bleibe. Ich war überrascht, wie lebendig alle dabei waren. Ich denke, alle waren einfach nur dankbar, dass wir nach der Krise wieder so zusammen sein konnten, die Verstorbenen im Herzen mit dabei. Vielleicht ist der Funke von Jesu Einladung und des Psalm des Vertrauens auf alle übergesprungen. 

Dieser Gottesdienst mit den so tapferen alten Menschen und ihren liebevollen Mitarbeitenden hat mir mindestens so viel gegeben wie ihnen selbst. Ein großer Lichtblick. Doch, Jesu Einladung und Evangelium spricht schon noch Menschen an. Vielleicht wachsen Glaubenskraft und Durchhaltevermögen, je mehr Lebenserfahrungen Menschen haben. Sie haben schon so viel durchgestanden, so auch Corona. Vielleicht werden es jetzt vor allem die älteren Menschen sein und alle Pflegenden, die Jüngeren und Gemeinden neuen Lebensmut geben, weil sie mehr vom frischen Wasser, von Begleitung durch finstere Zeiten, von Gelassenheit, Vertrauen und Zuversicht wissen. 

Deshalb bin ich allen im Domizil Lebenden und Arbeitenden dankbar auch für diese wertvolle Zeit zwischen zwei heftigen Regengüssen, denn 10 Minuten nach Ende des Gottesdienstes kam viel Wassersegen von oben dazu. 

Eva Loos, Pfarrerin.
 

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