Inklusion: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Schweinfurt. Wer realisiert schon, dass 10 Prozent der deutschen Bevölkerung eine so genannte (!) Behinderung – leiblich oder seelisch - haben! FORUM lebensArt, gemeinsames Projekt von Diakonie und Lebenshilfe Schweinfurt und Bad Kissingen, präsentiert sich bis zum 27. April 2011 – neben bereits gewürdigter Kunstausstellung  (s. unten) – mit diversen Veranstaltungen zum Thema „Inklusion“. Ihr Ziel ist es, zu einem neuen Bewusstsein in der Gesellschaft beizutragen, um Menschen mit Behinderung anders wahrzunehmen.

Dazu konnte Pfr. Jochen Keßler-Rosa, Vorstand des Diakonischen Werkes, am Montag, den 11. April 2011 viele Interessierte zu einem öffentlichen Gesprächsabend im Saal des Alten Rathauses begrüßen. Referent war Wolfgang Trosbach, Sprecher der Lebenshilfe in Unterfranken, zugleich Vorsitzender der Lebenshilfe Würzburg. Als betroffener Vater – er hat einen Sohn mit Down-Syndrom – äußerte er zunächst eigene Gedanken zur Thematik „Inklusion“: wie er sein Kind trotz vieler Schwierigkeiten und Umwege in einem integrativen Kindergarten, später in einer Schule für geistig Behinderte unterbringen konnte.
Danach ging er voller Hochschätzung in vier Punkten auf die UN-Behindertenrechtskonvention (von der UNO-Generalversammlung 2006 verabschiedet, am 3. Mai 2008 in Kraft getreten) ein:
1. Sie bescheinige Menschen mit Beeinträchtigung das Recht, das Bewusstsein ihrer eigenen Würde auszubilden. Nur brauche diese Selbstachtung – so Trosbach – die Erfahrung sozialer Achtung durch die Gesellschaft, wofür sie die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen müsse.
2. Die UN-Konvention sehe Behinderung nicht mehr als Defizit, sondern als Ausdruck von Vielfalt an: „eine Quelle kultureller Bereicherung“. Daher sei „Behinderung“ inzwischen eher ein Schimpfwort geworden.
3. Die UN-Konvention fordere, dass die Gesellschaften ein verstärktes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln und soziale Inklusion auch tatsächlich verwirklichen.
4. Sie konzediere Menschen mit Beeinträchtigung auch das Recht auf Sexualität, Partnerschaft und Familie.

An den Vortrag schloss sich eine Podiumsdiskussion, moderiert von Pfr. Keßler-Rosa, an. Er befragte Johanna Bonengel, Leiterin des Bayernkollegs, Dekan Oliver Bruckmann, Theaterintendant Christian Kreppel und Landrat Harald Leitherer zu ihren bisherigen Erfahrungen mit Inklusion. „Warum tun wir uns so schwer mit der Inklusionsdebatte?“
Offenbar ist die Lobby dafür noch nicht stark genug. Außerdem erzeugt alles, was anders ist, zunächst Angst. So befürchtet Frau Bonengel eine radikale Veränderung des bisherigen, „auf Selektion“ basierenden Schulsystems. Eine integrative Schulform würde zudem eine völlig neue Ausbildung von Lehrkräften bedingen.
Landrat Leitherer warnte deshalb davor, Inklusion „über alles“ stellen und nur gut gemeinten Idealismus an den Tag zu legen. Inklusion könne z.B. nicht das Ziel der Abschaffung aller Sonderschulen haben. Er selbst lobte die Arbeit der in Trägerschaft des Landkreises Schweinfurt stehenden Heideschule zur Lernförderung in Schwebheim. Eher sollte es mehr Gelegenheiten zur Begegnung geben.
Dem pflichtete Dekan Bruckmann bei: „Wir müssen für die Erfahrungen von Menschen ohne Behinderung mit Menschen mit Behinderung sorgen.“ Auch auf unsere Sprache, die alles, was wir denken, verrate, gelte es zu achten. So sei sein Vater, der im Krieg ein Bein verloren hatte, als „Kriegsversehrter“, aber nicht als Behinderter bezeichnet worden. Bruckmann gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass in unserem Reden, vor allem aber in unserem praktischen Handeln, das biblische Menschenbild Gestalt gewinnen werde.
Dass eine Zuhörerin sich dabei mehr Unterstützung gerade seitens der Kirche wünschte, sollte man daher als Impetus, nicht als Kritik verstehen.

 

   
Waren fast einer Meinung: Dekan Oliver Bruckmann und Landrat Harald Leitherer Wolfgang Trosbach hielt äußerlich einen heiteren, aber in seiner Tiefe nachgehenden Vortrag.
   
Das Diskussionsforum (v.l.): Wolfgang Trosbach, Christian Kreppel, Johanna Bonengel und Harald Leitherer  Zwei fehlen noch: Dekan Bruckmann und Moderator Jochen Keßler-Rosa