Abschied von der Friedenskirche Oerlenbach

Das Gebäude geht – die Gemeinde bleibt

Bild des Benutzers Heiko Kuschel

Der 17. Dezember 2025 wird vielen in Oerlenbach und Umgebung als schwarzer Tag im Gedächtnis bleiben: Kurz vor Weihnachten zerstörte ein Schwelbrand die knapp 60 Jahre alte Friedenskirche. Äußerlich scheint das Gebäude weitgehend unversehrt, doch bis heute darf der Innenraum nur mit Schutzkleidung betreten werden.

Der Kirchenvorstand hatte lange mit der Entscheidung gerungen, doch auch angesichts zurückgehender Gemeindegliederzahlen war irgendwann klar: „Wir verabschieden uns von diesem Gebäude.“ Es soll demnächst abgerissen und das Grundstück voraussichtlich verkauft werden.

Viele versammelten sich also am 13. September 2026 vor dem Eingang der Kirche, um in einem bewegenden Gottesdienst Abschied zu nehmen, noch einmal zurückzublicken auf das, was war, und nach vorne zu schauen auf das Gemeindeleben in Oerlenbach, das mit diesem Tag natürlich nicht endet. Selbst der Himmel schien mitzutrauern – doch der Regen endete gerade rechtzeitig für den Gottesdienst.

Auch die Orgel war nicht zu retten gewesen, so begleitete Kirchenmusikdirektor Jörg Wöltche den Gottesdienst kurzerhand mit dem Akkordeon. Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk sprach von einem „einschneidenden Gottesdienst“ in stürmischen Zeiten. Sie erinnerte an die biblische Geschichte der Sturmstillung, wo die Jünger im Boot Todesangst hatten, während Jesus schlief. „Gut, wenn man in solchen schweren Situationen nicht alleine ist!“ Sie erzählte sichtlich bewegt von jenem Tag kurz vor Weihnachten, die Kirche samt Weihnachtsbaum schon festlich geschmückt. Nur weniges hatten sie retten können, unter anderem das Lektionar, den Abendmahlskelch, den Taufstein und das kleine Altarkreuz.

Pfarrer Thomas Volk interviewte einige Gemeindeglieder zu ihren Erinnerungen an die Kirche. Hier hatten Zugezogene eine neue Heimat gefunden, hier waren Freundschaften gewachsen. Hier wurden Gruppen und Kreise gegründet, die noch nach Jahrzehnten weiterbestehen. Hier hatte einer zum ersten Mal am Abendmahl teilgenommen, für ihn der Beginn einer immer engeren Bindung an diese Gemeinde.

Pfarrerin Dorothea Greder stand am Taufstein, der vor die Tür gestellt worden war. Älter als die Kirche selbst, stammte er  ursprünglich aus der Erlöserkirche. Etwa 200 Kinder waren hier getauft worden, von Andreas am 22.9.1968 bis zu Lars, der wenige Wochen vor dem Brand die Taufe erhalten hatte. 

Jacqueline Barraud-Volk und Thomas Volk kamen noch einmal auf das Thema des Gottesdienstes zu sprechen: „Mit Jesus im Sturm“. „Wir waren auch als Kirchengemeinde im Sturm“, so Volk. „Doch Jesus bleibt dabei, darauf ist Verlass.“

Mit einem feierlichen Akt entwidmete Dekan Oliver Bruckmann die Kirche schließlich offiziell. Doch sein Segen galt nicht den Mauern, sondern der versammelten Gemeinde: Auch ohne die Friedenskirche bleibt Gott bei ihnen allen.

Eines steht fest: Das Gemeindeleben geht weiter. „Wir bleiben vor Ort!“, betonte Barraud-Volk. Schon seit Januar finden die Gottesdienste im Foyer des Diakonie Seniorenhauses Kramerswiesen statt. Viele Gruppen kamen im Schützenhaus Hubertus unter. Barraud-Volk dankte der gesamten Dorfgemeinschaft und insbesondere der politischen Gemeinde und Bürgermeister Nico Rogge für die selbstverständliche und unbürokratische Hilfe in dieser herausfordernden Zeit. 

In seinem Grußwort dankte Rogge selbst gewissermaßen dem Gotteshaus. Er blickte zurück auf die Entstehungsgeschichte: In den 60er Jahren, als der Bundesgrenzschutz nach Oerlenbach kam, zogen auch viele evangelische Familien in den Ort. Die neue Kirche bot ihnen Heimat, zum 25jährigen Jubiläum bekam sie den Namen Friedenskirche. Doch das Gebäude alleine wäre nichts gewesen: „Sie haben aus einem Gebäude eine Gemeinde gemacht!“ Er rief dazu auf, nun nicht nur dieses Ende im Gedächtnis zu behalten, sondern die vielen schönen und anrührenden Momente aus den letzten knapp 60 Jahren.

Viele blieben noch lange bei Kaffee und Kuchen zusammen. Ein letzter Blick auf das Gebäude, vielleicht auch durch die Fenster in die zerstörten Innenräume. Doch es wurde spürbar: Die Gemeinde vor Ort lebt weiter, auch ohne die Friedenskirche.