Kissinger Sommer-Gottesdienst mit Bach-Kantate

Gastprediger Helmut Völkel

Bad Kissingen, 24. Juni 2012. Wenn der „Personalchef der Landeskirche“, so Helmut Völkels Selbstbezeichnung, predigt, lohnt allemal ein Gottesdienstbesuch. Dies erst recht, wenn außerdem noch „Kissinger Sommer“ angesagt ist und eine Joh.-Seb.-Bach-Kantate auf dem Programm steht! Wie nicht anders zu erwarten, war daher die Erlöserkirche voll besetzt. Pfr. Jochen Wilde, der Liturg dieses Special-Sonntagsgottesdienstes, wies zudem in seiner Begrüßung auf das aktuelle Themenjahr „Reformation und Musik“ im Rahmen der Lutherdekade hin.

Oberkirchenrat Völkel, offiziell Leiter der Abteilung F - Personal im Landeskirchenamt München, bis vor drei Jahren noch Regionalbischof des Kirchenkreises Ansbach-Würzburg und daher auch mit dem Dekanat Schweinfurt gut vertraut, legte detailliert die anschließend zu Gehör gebrachte Kantate „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ (BWV 170) aus:

Sie, deren Uraufführung in Leipzigs Thomaskirche 286 Jahre zurückliege (1726), basiere auf keinem biblischen Text, sondern auf einer freien Dichtung von Georg Christian Lehms und sei darum Ausdruck subjektiver Frömmigkeit. Sie beantworte die Frage: Wie können wir zu echter, ehrlicher Ruhe finden, die Bestand hat in Zeit und Ewigkeit? Denn die Suche nach Ruhe sei ein ganz persönliches Thema: „Wir leben in einer lauten, stressigen Zeit.“ Erfahrene Ungerechtigkeit oder Scheingerechtigkeit sorge gerade für Unruhe, während innere Ruhe nur im Glauben an Christus erfahrbar sei.

Bereits die Eingangsarie „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ zeige uns diesen Ort und die Quelle, aus der es zu schöpfen gelte. Sie führe uns durch eine harmonische Seelenlandschaft, in der wirklich paradiesische Ruhe herrsche.
„Die Welt, das Sündenhaus, bricht nur in Höllenlieder aus“, so das folgende Rezitativ. Gegenentwurf zum Sündenhaus sei das Haus Gottes. „Zwischen diesen beiden Polen vollzieht sich unser Leben.“ Zwar könne uns Christus „aus dem Morast des Sündenhauses herausziehen, aber wir müssen seiner Forderung nach besserer Gerechtigkeit und Nächstenliebe nachkommen.“

„Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen, die dir, mein Gott, so sehr zuwider sein.“ Der Oberkirchenrat bekannte, bei diesem Ruf nach Erbarmen für die verdorbenen Herzen spontan an die kürzlich verstorbene Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich gedacht zu haben, die die Strukturen der Seele erforscht und heilige Unruhe verbreitet habe u.a. durch ihre provokante These, dass Erbgüter der Hitler-Ära in der Adenauer-Ära weiterlebten. Völkel: „Es braucht solche gesellschaftlichen Läuterungsprozesse.“
„So flieht mein Herze Zorn und Groll und wünscht allein bei Gott zu leben. […] Mir ekelt mehr zu leben, drum nimm mich, Jesu, hin.“ Diese Zeilen über Weltflucht konnte der Prediger freilich nicht teilen. Hier entferne sich die Kantate vom Zentrum des Evangeliums! Denn man dürfe nicht vor der Zeit aufgeben und die Sehnsucht nach dem Himmel groß schreiben, sondern müsse in der Kraft Gottes leben und auch das anvertraute Leben genießen. Dazu dienten Ruhezonen und Ruhezeiten, zum Beispiel unsere Feiertage, die uns Stille vor Gott und geistliche Regeneration ermöglichten. Mit dem berühmten Augustinus-Wort „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr“ schloss Völkel: „Ja, diese Ruhe ist das Ziel!“


Und hier eine Würdigung der musikalischen Aspekte der Aufführung (Text: Peter Klopf):

Kantor Jörg Wöltche, für die Musik zuständig, hatte mit dem Kammerorchester Bad Kissingen, dem Counter-Tenor Stefan Kahle (Basel), der Oboistin Christiane Jungbauer, der Fagottistin Monica Behnke (beide München) und dem Organisten Prof. Neithardt Bethke (Zittau) die Kantate für Orchester und Altus „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“, BWV 170, von Johann Sebastian Bach, einstudiert. „Kantatengottesdienste sind eine der ureigensten evangelischen Gottesdienstformen. Dieses Kantatenkonzert anzubieten, ist für mich einer der Höhepunkte des Jahres“, erläuterte Kantor Jörg Wöltche. Zweifelsfrei gehört diese Kantate zu den anspruchsvollen Kompositionen ihrer Art und stellt eines der relativ seltenen Beispiele einer lupenreinen Kantate dar. Der „Andacht“-Text des Verfassers Georg Christian Lehms umfasst fünf Sätze, drei Arien und zwei Rezitative. […]

Ungeachtet der etwas dick aufgetragenen Sprache ist der Text zur Komposition besonders gut geeignet. Johann Sebastian Bach gab er Gelegenheit, alle Register seiner Kunst zu ziehen und einen ungewöhnlichen Einfallsreichtum an den Tag zu legen. Für die erste Arie verwendet Bach, gemäß der Titelzeile, den in sich ruhenden, vollkommenen 12/8-Takt und den milden Glanz der Tonart D-Dur. In dieser Arie können sich die Streichinstrumente und die „Oboe d’amore“ sowie die beherrschende Alt-Stimme voll entfalten. Mit dem ersten Rezitativ wird diese heile Welt für den Rest der Kantate verlassen. Das Weltbild wird sogar selbst in Frage gestellt. Dies signalisierte Bach dadurch, dass er das sonst verbindliche Bass-Fundament weglässt, Violine und Viola formen in hohen Tonlagen die Grundstimme, und die obligate Orgel und die Singstimme begeben sich in ein harmonisches und melodisches Abenteuer.

Die dritte Arie, die die Kantate abschließt, könnte ein Loblied auf die Freuden des irdischen Daseins sein, wenn nicht zu Beginn der Arie der übermäßige Schritt d-gis, ein Tritonus, der „Diabolus in musica“ wäre. Er signalisiert die Abscheu vor dem pharisäischen Dasein und die Notwendigkeit der Umkehr.
Mit einer gelungenen Interpretation schuf das Kammerorchester Bad Kissingen mit seinen Instrumentalsolisten ein stimmungsvolles Klangerlebnis, welches bezauberte und Herz und Sinne beben ließ. Auch der Counter-Tenor Stefan Kahle erwies sich als idealer Interpret der anspruchsvollen Arien und Rezitative. Er war kurzfristig für den ursprünglich vorgesehenen und derzeit erkrankten Counter-Tenor Matthias Rexroth eingesprungen.