Zwei Beiträge zum 9. November 2012 aus Schweinfurt

 

1. Die Rosenthals lebten 400 Meter Luftlinie von hier

Schicksal von Leopold und Recha Rosenthal aus Schweinfurt,

die am 22. April 1942 deportiert wurden

 

19 Uhr, Kirche St. Johannis. Der traditionelle Gottesdienst ist heuer ein besonderer. Neben Pfarrer Siegfried Bergler stellt Pfarrer Dieter Schorn das Schicksal der umgekommenen Schweinfurter Eheleute Leopold und Recha Rosenthal vor:

Leopold und Recha Rosenthal aus Schweinfurt sind von den Nazis am 22. April 1942 über Würzburg „nach dem Osten“, wie es damals lapidar hieß, deportiert worden. Sie wurden wohl kurz nach ihrer Ankunft im polnischen Krasnystaw (bei Lublin) am 28. April 1942 ermordet. Gelebt haben die Eheleute jüdischen Glaubens am Oberen Wall 21. „400 Meter Luftlinie von hier“, stellt Dieter Schorn bewusst den lokalen Charakter dieses Schicksals heraus, das er beim Gedenk-Gottesdienst am 9. November in St. Johannis exemplarisch für andere von den Nazis ermordete Schweinfurter schildert.

Weil sich die auswärtigen SA-Männer nicht auskannten, stellten Schweinfurter Nazis ihnen am 10. November 1938 „zuverlässige Männer“ zur Seite. Einer dieser „Lotsen“ war ein brauner Badewärter aus der Rittergasse. Der SS-Scharführer führte die Plünderer auch zur Wohnung der Rosenthals. Die später von Recha Rosenthal erstattete Anzeige verlief im Sande, der Lotse ging natürlich straffrei aus, das Ehepaar lebte „irgendwie weiter in Schweinfurt“.

Dann informiert Schorn über die Deportation. Der Pfarrer unterbricht, die hellen, „jungen Stimmen“ (Leitung Andrea Balzer) füllen den Kirchenraum mit einer textlosen Vocalise von Javier Busto. Man hat gerade vom Mord an Rosenthals gehört, und nun diese außergewöhnlichen, hinausgeschrienen Töne, denen sekundenlange Stille in St. Johannis folgt.

Schorn fährt fort, nun mit einem „besonders hellen Licht“. Die Rollkommandos haben auch am Kornmarkt gewütet, dort die Weinhandlungen der jüdischen Familien Mohrenwitz und Mars heimgesucht. „Ein Traum für die Vandalen, konnten sie doch Unmengen Glas zerschlagen“, merkte Schorn sarkastisch an. Marie Hitz, Frau des Buchdruckereibesitzers Wilhelm Hitz, sah das herumirrende Kind der Nachbarsfamilie, holte es von der Straße, versteckte es bei ihrer Schwester Berta Schilling mehrere Tage. Das jüdische Mädchen und der Bruder wurden kurz danach über die Schweiz zu Verwandten nach Amerika geschickt.

Schorn fragte, warum die Frauen das gemacht haben und gab selbst die Antwort. Sicher habe Mitleid und spontane Hilfsbereitschaft eine Rolle gespielt. Heldentum sei das von den beiden auch in St. Johannis aktiven Frauen trotz aller Gefahren aber nicht gewesen. Sie hätten aus „christlich geprägtem Anstand“ gehandelt, sagte Schon. Der gerettete Bruder kam übrigens viele Jahre später noch einmal zurück in seine Heimatstadt. Der Schwester versprach er, Marie Hitz einen Gruß zu überbringen und Dank zu sagen. Marie Hitz lag zu diesem Zeitpunkt aber bereits in den letzten Zügen ihres Lebens. „Warum der Gast sie mit wunderschönen Blumen besuchte, hat sie nicht mehr verstanden.“

Zum Gelingen der besinnlichen Abendstunde tragen maßgeblich die „jungen Stimmen schweinfurt“ unter der Leitung von Kirchenmusikdirektorin Andrea Balzer bei. Bergler predigt über das Kirchenlied vom Mandelzweig. Der Text stammt von Schalom Ben-Chorin, der, die Namensgleichheit ist Zufall, als Fritz Rosenthal seine Heimatstadt München noch rechtzeitig Richtung Israel verlassen konnte. Er blieb trotz des Holocaust Deutschland verbunden, leistete nach dem Krieg Versöhnungsarbeit. Bergler bezeichnete Ben-Chorin in seiner Predigt als „Baumeister des Gesprächs zwischen Christen und Juden“.

(aus: Schweinfurter Tagblatt vom 12.11.2012, Text: Hannes Helferich; Fotos: Bergler)

 

Gedenktafel am Geburtshaus von Schalom Ben-Chorin in München, Zweibrückenstr. 8

Pfr. Dieter Schorn (l.) tauscht sich mit Bürgermeister Emil Heinemann (Sennfeld) und dessen Frau aus.

 

2. Freiheit ist zum Greifen nah

Martin Schewe, Pfarrer der Christuskirche, war bei den Friedensgebeten in Leipzig dabei

„Ab sofort“. Zwei Worte, große Wirkung: DDR-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski hat damit am 9. November 1989 die Mauer nach 28 Jahren zu Fall gebracht. „Ab sofort“ antwortete Schabowski auf die Frage von Reportern, wann die zuvor verkündete erleichterte Reiseregelung in Kraft tritt.

Martin Schewe, heute Pfarrer der Christuskirche, damals Theologie-Student in Jena, hörte die Worte auch – in der Aktuellen Kamera, dem Nachrichtenprogramm der DDR. Er konnte das „zunächst auch gar nicht glauben“. Einem Professor an der Uni Jena schien das ebenso zu gehen. Er ließ die angesetzte Klausur tags darauf noch schreiben. Am 10. November mittags ist Schewe nach Berlin gefahren. Es war „der letzte Zug, in den noch Menschen in Jena zusteigen konnten“.

Und in Berlin? Da ist er in Schönefeld zum ersten Mal in den Westen marschiert, dann kehrte er wieder zurück in den Osten und ging wieder rüber. Er wiederholte das dann noch einmal. „Ich wollte sehen, ob das funktioniert“. Schewe sagt, dass er zwar „wie immer“ jedes Mal kontrolliert wurde, trotz der Tausenden von Menschen, aber es hat funktioniert, er konnte sich frei bewegen.

Schewe ist in Leipzig geboren und er hat auch, damals 21 Jahre jung, die letztlich wohl alles entscheidende Kundgebung am 9. Oktober 1989 mitgemacht. Weil nicht klar war, wie der DDR-Staat auf den von der Nikolai-Kirche ausgehenden Protestzug reagieren wird, habe er sich morgens von seiner Freundin anders als üblicherweise verabschiedet: „Es kann sein, dass wir uns nie wieder sehen“. [...]

1986 baut Schewe das Abitur. Um studieren zu können, war der Wehrdienst bei der NVA Pflicht. Er meldet sich allerdings für den Bausoldatendienst, was bei staatlichen Stellen nicht gerne gesehen wird. Man versucht, ihn davon zu überzeugen, dass ihm der normale Dienst an der Waffe dienlicher sei. Schewe lehnt ab, womit aber das angestrebte Mathestudium futsch war. Martin Schewe entscheidet sich fürs Theologiestudium. Es beginnt 1988 in Jena. Und Schewe schließt sich einem Gesprächskreis von Theologie- und erstaunlicherweise Jura-Studenten an, die über das „kaputte Wirtschaftssystem“ der DDR genauso diskutieren wie über Werte-Vorstellungen und eine Zukunft ohne Mauer, aber in einem eigenständigen Ost-Deutschland.

Einige Male fahren die Studenten auch zu den Montagsgebeten in der Nikolaikirche. Die ersten Vorboten der friedlichen Revolution beginnen. Am 15. Januar 1989 demonstrieren etwa 500 Bürger in Leipzig. In den folgenden Monaten kamen immer mehr Menschen zu den montäglichen Friedensgebeten in der Nikolaikirche. Immer mehr DDR-Bürger stellen Ausreiseanträge. Dann tun sich Anfang Mai 1989 erste Löcher im „Eisernen Vorhang“ auf, Ungarn beginnt mit dem Abbau der Sperranlagen an der Grenze zu Österreich. Auch Schewe hatte sich ein Visum besorgt, er kehrt aber wieder zurück. „Wenn jetzt alle gehen, dann ändert sich nichts“, schildert er seine damaligen Gedanken. [...]

Dann kommt der Tag, den Schewe nie vergessen wird. Die SED droht den Demonstranten vor der Kundgebung am 9. Oktober 1989, zwei Tage nach dem 40. Jahrestag der DDR: „Wenn es sein muss, stoppen wir auch mit Waffengewalt“. Anders lässt sich für Schewe die hohe militärische Präsenz nicht erklären.

Dennoch protestierten am 9. Oktober mindestens 70000 Menschen friedlich in Leipzig mit Kerzen in der Hand. Auf Flugblättern gerichtet an die Staatsmacht war zu lesen: „Wir sind ein Volk“. Schewe ist darunter. Plötzlich klafft eine Lücke im Zug, seine Reihe sieht sich jetzt Sicherheitskräften gegenüber. „Das Herz ist mir da in die Hosentasche gerutscht“. Aber: Die Soldaten und Polizisten schritten nicht ein. Die Reihen des Demonstrationszugs schließen sich. Schewe weiß jetzt: „Wir haben es geschafft“.

Am 16. und am 23. Oktober ist er wieder in Leipzig dabei. Die Proteste breiten sich in der ganzen DDR aus. Und die SED-Führung weiß sich nicht anders zu helfen, als ein neues Reisegesetz zu erlassen, das am 9. November – früher als beabsichtigt – von Günter Schabowski verkündet wird. Dann fiel die Mauer. [...]

1998 las er seine Stasi-Akten. Die DDR hatte ihn, den Studenten der Theologie, wegen seiner Beteiligung an den Friedensgebeten tatsächlich überwacht. Aber das, was drin steht, das nennt Schewe einfach nur „lächerlich“. Vor geraumer Zeit rief eine Kommilitonin aus der Jenenser Zeit an. Sie und ihr Mann gehörten als Jurastudenten dem konspirativen Studentenkreis an. Sie haben Schewe gebeten, dass er sie tauft, in der Arche. Er hat das gerne gemacht.

(aus: Schweinfurter Tagblatt vom 9.11.12, Text: Hannes Helferich, Fotos: Bergler)

 

Pfr. Martin Schewe mit seiner Frau Valerie, die er in der Schweiz kennen lernte, bei deren Einführung als Pfarrerin in Zell

Ein Trabi durchbricht die Mauer: Graffito an den Resten der Berliner Mauer nahe Warschauer Straße