Auf der Dorfstraße unterwegs

Jubiläumsfest 1200 Jahre Obbach

Obbachs beide Wahrzeichen auf der Fahne der Freiwilligen Feuerwehr: Kirche und Schloss

Obbach, 9. Mai 2013. Zu viel, um es aufzuzählen, spielte sich auf der Dorfstraße in Obbach am Himmelsfahrtstag ab. Das Dorf war weiträumig für den Durchgangsverkehr gesperrt; selbst über den Schleichweg via Sömmersdorf ging nichts. Ob Bäckergasse, Dr.-Georg-Schäfer- oder die Klein-Straße  – sie alle waren reich frequentierte Fußgängerzone. Auf einem opulenten Programmflyer waren sage und schreibe 75 Stationen verzeichnet. Denn Obbach hatte allen Grund zu ausgiebigem Feiern: Auf den Tag genau ist ein Übergabebrief aus dem Jahr 813 datiert, dem 45. Regierungsjahr Kaiser Karls des Großen. Darin schreibt ein gewisser Atto: „Ich, Atto, übergebe zum Heil und zur Erlösung meiner Seele an das Kloster des heiligen Erlösers, das Fulda genannt wird […], alles, was ich an Besitz habe in dem Dorf Obbach (Oppahu) in der Mark Geldersheim (Geltaresheim) im Gau Grabfeld.“ Dieser Urkunde mit ältester Nennung des Ortsnamens lässt sich entnehmen, dass Obbach sogar noch viel älter als 1200 Jahre sein muss.

Auf dem Friedhof, um 9.00 Uhr, begann das Fest: mit einer eindrucksvollen Gedenkfeier „an die Menschen, die uns im Tod vorausgegangen sind“ – so Ortspfarrerin Tabea Richter –, „an alle Bürger, die hier gelebt haben und auf der Dorfstraße unterwegs waren.“ Von viel Freude, viel Leid und viel Gnade, die die Straße erlebte, sprach auch der Zweite Bürgermeister Ewald Schirmer und erinnerte an das fruchtbare Wirken von Lehrern, Pfarrern, Bürgermeistern und Gemeinderäten zugunsten des Gemeinwesens.

Mit „Oh happy day“ eröffnete anschließend der ökumenische Kirchenchor den Festgottesdienst, der auch seitens der Geistlichkeit ökumenisch begangen wurde. Neben Pfarrerin Richter, die sowohl im Posaunenchor mitspielen als auch per Gitarre die Kindergruppe „Sockenbande“ begleiten musste, wirkte der neue Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft St. Martin im Oberen Werntal, Markus Grzibek, mit. „Wir feiern, dass der Himmel offen bleibt für uns alle“, wünschte er den Gläubigen im übervollen Kirchenraum.

Ein Novum – eine Dialogpredigt mit dem 1. Bürgermeister: Die Pfarrerin legte von der Kanzel den Anfang des alttestamentlichen Josua-Buches aus, und am Lesepult im Altarraum stellte Arthur Arnold /Euerbach-Sömmersdorf-Obbach den konkreten Ortsbezug her: An der Grenze zum Gelobten Land, so die Pfarrerin, habe Moses Nachfolger Josua Verantwortung für ein ganzes Volk übernommen und das Signal zum Aufbruch, zum Durchzug durch den Jordan, gegeben. Er habe keine sachlichen Garantien, etwa Waffen, von Gott erhalten, sondern einzig die Zusage, „getrost und unverzagt“ zu sein, denn Gott werde mit ihm sein: Immanuel!

Bürgermeister Arnold ermutigte seinerseits alle Bürgerinnen und Bürger, sich auf Veränderungen einzulassen und auch Ziele neu zu benennen. Er spielte dabei auf die vor zehn Jahren begonnene grundlegende Ortserneuerung an und warb um gegenseitiges Vertrauen: „Mit Gottvertrauen und Menschenvertrauen werden wir in Obbach eine gute Zukunft haben.“

Natürlich waren an einem Tag wie diesem die klassischen Choräle „Lobe den Herren“ und „Großer Gott“ Pflicht, aber auch, vom Posaunenchor gespielt, Edward Elgars hymnischer Ohrwurm „Land of hope and glory“.

Draußen begann sich inzwischen die Dorfstraße zu füllen, die Frühlingssonne machte sich immer stärker bemerkbar. Das Fußvolk strömte in den wunderschönen Schlosspark, den die Industriellenfamilie Schäfer extra für den offiziellen Festakt geöffnet hatte, wofür ihr der Bürgermeister von Herzen dankte, aber auch „für das Wohlwollen, das Sie Obbach entgegengebracht haben“. Witzig meinte er: „Leider konnten wir keine Gründungsmitglieder einladen“ – 1200 Jahre sind eben doch eine lange Zeit.

Neben Landrat Florian Töpper, der das Miteinander von Traditionsverbundenheit und Zukunftsträchtigkeit der Dorfgemeinschaft lobte, kamen die beiden Schirmherren des Events zu Wort: MdL Gerhard Eck, Staatssekretär im Bayerischen Innenministerium, betonte, wie wichtig ihm das Totengedenken und dann der Gottesdienst als Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln gewesen seien. Obbach entwickle sich zu einem „Schmuckkästchen im gesamten Landkreis“, die Dorferneuerung stelle ein Pilotprojekt für ganz Bayern dar.

Eindrucksvoll, weil sehr persönlich sprach der zweite Schirmherr Dr. Andreas Schäfer, Professor für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Bamberg, im Namen aller anwesenden Schäfer-Familien vor der Kulisse des in der Barockzeit errichteten Schlosses (1692-97), dieser „sichtbaren Verkörperung der Vergangenheit Obbachs“, über dessen wechselvolle Geschichte. Der Familienbesitz habe großbürgerliche Prachtentfaltung erlebt, aber andererseits auch die Nutzung als Erholungsheim für Mitarbeiter der FAG-Kugelfischer Georg Schäfer & Co. in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Professor Schäfer bekundete seine Hoffnung, dass bald wieder neues Leben in die alten Mauern einkehren möge. Sicher freue sich das Schloss, zumindest außen wieder vertraute Klänge zu hören, womit er die Tanzeinlagen einer Barocktanzgruppe in historischen Gewändern meinte.

Aber Prof. Schäfer erinnerte bewusst auch an ein verdrängtes Kapitel der Ortschronik – und es wurde merklich still im Auditorium: Im 19. und 20. Jh. sei fast jeder dritte Bürger jüdischen Glaubens gewesen. Nach Würzburg habe Obbach das zweitgrößte Distriktsrabbinat gebildet. „Mit der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung hat sich Obbach verändert und bis heute nicht ganz wieder erholt!“ Was wohl alles die Dorfstraße erzählen könnte …

Praktisch jeder Hof und jedes Haus hatte an diesem Tag geöffnet und offerierte entweder Essbares oder Handwerkliches oder Unterhaltsam-Informatives. Die Obacher hatten sich beileibe "ins Zeug gelegt" (Bürgermeister Arnold). Aber Pfarrer Wolfgang Brändlein, der vor Tabea Richter über 20 Jahre hier gewirkt hatte, war am Nachmittag eigens gekommen, um sozusagen alternativ, nämlich auf jüdischen Spuren, durchs Dorf zu führen. „Viele Themen sucht man, aber manche Themen suchen einen.“ Das jüdische Thema fand zu Brändlein, als er 1988 in Obbach der Reichspogromnacht vor 50 Jahren gedachte. Für ihn hat die Geschichte inzwischen konkrete Namen bekommen. Entweder seit 1555 oder seit dem Dreißigjährigen Krieg lebten hier Juden, z.B. waren 1832 von 722 Einwohnern 224 - 31 Prozent! – jüdisch: ein halbwegs friedliches Miteinander mit koscherem Metzger und Bäcker, mit Pferde- und Textilhändler. Gleich unterhalb der Kirche: Zwei jüdische Namen stehen auf dem Kriegerdenkmal für Gefallene des I. Weltkrieges. Noch 1928 saßen zwei Juden im sechsköpfigen Gemeinderat. Brändlein hat den Standort der Judenhäuser und der Synagoge mit erforscht. Besonders bewegend, wie ihm ein Augenzeuge das Ende des Gotteshauses schilderte: Sie wurde von SA-Männern aus Schweinfurt erst am 10. November vormittags angezündet. Nach Einbruch der Nacht, als es noch glutrot brannte, demolierte man die jüdischen Wohnhäuser.

Ja, plötzlich sieht man die Dorfstraße mit ganz anderen Augen. Mitten in dem bunten, ausgelassenen Treiben fröhlicher Gesichter erkennt man auf einmal Menschen, die bestimmt gerne mitgefeiert hätten, die aber von einem Tag auf den anderen unterwegs waren auf einer Straße ohne Wiederkehr.