International Day of Peace, Nagelkreuz und Soldaten

 

 

Auf dem Altar der Evang.-Method. Kirche:

das Nagelkreuz von Coventry 

 

ACK-Gottesdienst mit Buchvorstellung

 

 

   
        ACK-Vorsitzender Pfr. Martin Schewe vor dem Nagelkreuz-Altar Gemeinsames Schuldbekenntnis (v.l.): Diakon Michael Wahler, Pfr. Schewe, Pastor Andreas Jahreiß u. Pfr. Manfred Herbert

Schweinfurt, 14. Sept. 2011. Es war zwar noch eine Woche zu früh, aber die ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) hatte berechtigten Grund, den von der Generalversammlung der Vereinten Nationen per Resolution vor genau 30 Jahren eingeführten, seit 2004 vom Ökumenischen Rat der Kirchen mitgetragenen, jeweils am 21. September begangenen International Day of Peace (Weltfriedenstag) vorzuverlegen. Denn ACK-Vorsitzender Pfr. Martin Schewe hatte für den 14. Sept. einen hochkarätigen Referenten gewinnen können: Professor Dr. Sönke Neitzel.
Zunächst wurde ein ökumenischer Gottesdienst in der Evang.-Methodistischen Kirche in der Nikolaus-Hofmann-Str. gefeiert. Neben Pfr. Schewe und Pfr. Manfred Herbert auf evangelischer Seite wirkten der kath. Diakon Dr. Michael Wahler und natürlich der Hausherr, Pastor Andreas Jahreiß, mit. Auf dem Altar stand das bekannte Nagelkreuz: Die deutsche Luftwaffe hatte am 14. November 1940 die mittelenglische Industriestadt Coventry schwerst bombardiert, darunter St. Michael’s Cathedral. Deren Propst barg aus dem verbrannten Dachstuhl drei mittelalterliche Zimmermannsnägel und setzte sie zu einem Kreuz zusammen. Ferner ließ er die Worte „FATHER FORGIVE“ („Vater vergib“) an die Chorwand schreiben.
Daran erinnerte Pastor Jahreiß in seiner Ansprache. Denn die evangelisch-methodistische Gemeinde Würzburg/Schweinfurt ist seit dem 16. März – dem Tag, an dem 1945 Würzburg in Schutt und Asche bombardiert worden war - für ein Jahr verantwortlich für dieses sog. Wandernagelkreuz der Würzburger Nagelkreuzgemeinschaft, eines von rund 200 ökumenischen Nagelkreuzzentren weltweit, und somit für Friedensarbeit unter dem Motto „Erinnerung bewahren und Versöhnung leben“. Gerade die zahlreichen Konfirmanden unter den Gottesdienstbesuchern machte Jahreiß eindrucksvoll darauf aufmerksam, dass es in der Geschichte Deutschlands noch nie eine so lange Friedenszeit wie seit 1945 gegeben hat: „Zum ersten Mal haben auch die Eltern noch keinen Krieg erlebt.“
In der Predigt zeichnete Pfr. Schewe ein authentisches Zwiegespräch mit einer ehemaligen  Zwangsarbeiterin nach: „Wie war das damals – auf der Flucht, im Dorf zurück, im Lager bis Mai 1949?“ Um der Zukunft willen müsse man sich der Vergangenheit stellen. Anliegen der ACK sei die gemeinsame Kooperation über die Kirchengrenzen hinweg. Alle Geistlichen beteten am Ende zusammen die Versöhnungslitanei aus Coventry (s. http://www.evkirche-pf.de/aktuelles/Nagelkreuz.htm), und die zahlreich versammelte Gemeinde sang: "Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns."

Die anschließende Begegnung mit Prof. Dr. Neitzel fand im nahen Kolpinghaus statt – leider nur mit 20 ZuhörerInnen, darunter Oberbürgermeister Sebastian Remelé, Willi Erl / Träger des Würzburger Friedenspreises 2009, Klaus Hofmann / „Initiative gegen das Vergessen“ und Johannes Petersen / Juso-Vorsitzender Schweinfurt Stadt und Land.
Der Historiker Neitzel, Hochschullehrer in Bern, Mainz, Saarbrücken und ab Okt. Inhaber des Lehrstuhls für “Modern History“ an der Universität Glasgow, stellte sein neues Buch „Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ vor. Neitzel hat in einem Londoner Archiv eine schier unübersehbare Zahl von geheimen britischen Abhörberichten gefangen genommener deutscher Luftwaffen- und Heeressoldaten, aber auch Stabsoffiziere und Generäle ausgewertet – Kameradengespräche über den Alltag und die Banalität des Krieges. Neitzel fand heraus, dass die Soldaten zwar die konstruierte NS-Ideologie ablehnten, aber eine emotionale Zustimmung zu Hitler bekundeten: „Der Führer wird’s schon richten.“ Erschreckend für Historiker: die nicht vorhandene Empathie für die Opfer! Über jede Grausamkeit, waren es Massenerschießungen von Juden oder die Ermordung von Kriegsgefangenen, hätten sie „normal“ geurteilt. Sie wollten gute, tapfere Soldaten sein und nur ihre Pflicht getan haben. Weder kamen ihnen moralische Bedenken, noch spielten etwa völkerrechtliche Aspekte eine Rolle.
Jedenfalls haben Neitzels Lektüreergebnisse den Mythos von der sauberen Wehrmacht endgültig zerstört. Auch sparte der Professor nicht an Kritik an der Bundeswehr heute, besonders an ihrem Einsatz in Afghanistan: „Krieg können Sie nicht mit Artikel 1 des Grundgesetzes („die Würde des Menschen ist unantastbar“) führen!“ Dass sich darüber eine lebhafte Diskussion entzündete, schien vom Referenten voll beabsichtigt zu sein. Ein kurzweiliger, spannender, aufwühlender Abend!

 

   
   Professor Dr. Sönke Neitzel hoch konzentriert     Der Professor beim Gedankenaustausch mit OB Sebastian Remelé