Presseschau: Vesperkirche: Wo Gemeinschaft durch den Magen geht

Ein Bericht von Helmut Glauch

"Sie machen im Team 'Begrüßung', mit", so teilt mir Diakon Norbert Holzheid mit, der die Versperkirche in St. Johannis maßgeblich organisiert. "Begrüßung" – noch kann ich mir nicht so recht vorstellen, was sich da dahinter verbirgt, zumal gleich ein halbes Dutzend Gastgeber, wie die Ehrenamtlichen, die die fünfte Auflage der Vesperkirche mit Leben erfüllen, genannt werden, für diesen Job eingeteilt sind.   

Ich werde an diesem Tag, in dem ich als "Reporter in Betrieb" Teil des Vesperkirchen-Teams bin noch lernen, das "Begrüßung" sehr viel mehr ist und sein sollte, als nur "Hallo" und "Bitte setzen Sie sich da hin" zu sagen. Und ich werde noch viel mehr lernen über Gemeinschaft und über Menschen, die nicht nur wegen des günstigen Essens kommen, sondern um mal wieder Mensch unter Menschen zu sein, mit anderen – und  nicht allein– an einem Tisch zu sitzen.    

Die Gemeinschaft vor der Gemeinschaft beim Morgenkreis

Doch von vorn: Um 10 Uhr treffen sich gut 60 Gastgeber, sitzen oben an der Orgel dichtgedrängt auf Stühlen. Ein Morgenkreis, der ein Quadrat ist, die Leute kennen sich, waren meist schon öfter dabei. Auf die Frage wer denn heute zum ersten Mal als Gastgeber gekommen ist, gehen außer meinem nur wenige Arme hoch.  Rund 310 Gastgeber werden an den 22 Vesperkirchentagen ihren Dienst verrichten und dabei weit mehr leisten als "nur" rund 9000 Essen auszugeben. Die morgendliche Einstimmung auf den Vesperkirchentag, das ist sozusagen die Gemeinschaft vor der Gemeinschaft. Wer einmal mitgemacht hat kommt immer wieder, Norbert Holzheid spricht vom "Vesperkirchenvirus". Ein Virus, der dafür sorgt, das andere Menschen bedienen mindestens genauso viel Spaß macht wie sich bedienen lassen.   

Vikarin Eva Mundinar hat zur Einstimmung auf den Tag die Geschichte des Herrn Wohllieb mitgebracht, der sich Gedanken macht, ob das Paradies wohl eine Mauer hat. Es gibt keine, so seine Schlussfolgerung. Für den Eintritt ins Paradies genügt oft schon ein kleiner Schritt zu Seite, ein  Paradiesperspektivwechsel sozusagen. "So gesehen steht die Vesperkirche mit einem Bein im Paradies", so Mundinar – Mehr Motivation geht nicht.   

Jobs verteilen und dann der große Gong

Die Uhr geht mittlerweile gegen 11, der entspannten Morgenrunde müssen Taten folgen. Service, Essensausgabe, Cafeteria,  Rückgabe, Kasse, Kinderbetreuung und eben die Begrüßung – rasch sind die Jobs vergeben, die Namensschilder angesteckt und eine Teamleitung festgelegt. In den Teams wird besprochen wer welche Aufgaben übernimmt,  die "Begrüßer" bekommen ihre Tische zugeteilt. In den nächsten drei Stunden werden sie per Handzeichen der Teamleiterin mitteilen, wo welche Plätze frei sind, wo man auch einen Rollstuhl oder Rollator unterbringen kann und wie es gelingt auch mal größere Gruppen oder ganze Familien an einen Tisch zu bringen.     

Mit dem großen Gong, den normalerweise Norbert Holzheid zum schwingen bringt, den aber ausnahmsweise ich heute einmal schlagen darf, wird die Vesperkirche eröffnet. Was mir – unerfahren wie ich bin – anfangs noch beinahe generalstabsmäßig organsiert vorkam, erweist sich schnell als dringend notwendig.  Als das Kirchenportal sich öffnet sehe ich noch, wie der ganze Martin-Luther-Platz mit Menschen gefüllt ist. 436 werden es heute sein, die sich für 1,50 Euro zuerst eine  Suppe und ein Mittagessen und dann Kaffee und Kuchen schmecken lassen.  

Vesperkirche funktioniert nur, wenn alle sich an ihre Aufgaben halten

Wäre alles nicht so straff organisiert, würde schnell Chaos ausbrechen. Die Leute strömen förmlich, nur durch konsequente Sitzplatzzuweisung gelingt es Ordnung und Reihenfolge aufrecht zu erhalten. Geduldig sitzen die Menschen in den Kirchenbänken, warten darauf, dass sie an der Reihe sind. Jetzt zeigt sich, warum die Ehrenamtlichen Gastgeber und nicht einfach Helfer genannt werden. Die Gäste, viele von ihnen sind alleine gekommen, werden herzlich begrüßt, ein paar nette Worte sind meistens noch drin, man hilft bei Bedarf aus der Jacke, stellt Rollator oder Rollstuhl zur Seite.      

Freiwerdende Plätze, das ist Gesetz, werden erst dann wieder besetzt, wenn sie ordentlich sauber gemacht und wieder mit einem frischen Besteck ausgestattet sind. Trotz des Andrangs soll es kein "Husch-husch-Essen" sein, niemand wird gedrängt, den Platz freizumachen, wenn er mit dem Essen fertig ist.     

Beim Essen noch Fremde, beim Kaffee schon Bekannte 

Heute gibt es Hackbraten mit Blumenkohl und Kartoffelbrei, diejenigen, die es eher fleischlos lieben, wählen die Zucchini. Doch was es gibt, so scheint mir, ist nicht das wichtigste. Eine ältere Dame erzählt mir, während ich ihr aus dem Mantel helfe, dass sie alleine lebt und sich freut beinahe täglich in die Vesperkirche zu kommen. Anders als zum Beispiel auf einer Autobahnraststätte, wo die Menschen beeinandersitzen und wortlos ihr Essen hinunterschlingen, kommen die Leute in der Vesperkirche miteinander ins Gespräch. Gemeinschaft entsteht, Menschen, die sich gerade erst kennengelernt haben, wandern gemeinsam weiter in die Cafeteria um dort bei einem Stück Kuchen weiterzuplauschen.     

Ruhig wird es noch einmal als die Niederwerrner Pfarrerin Grit Plößel traditionell das "Wort in der Mitte" von der Kanzel verkündet. Für die paar Minuten kehrt so etwas wie Andacht im Kirchenraum ein und auch die Bestecke derjenigen, die gerade Essen, klappern weit weniger.  

Handysprechstunde im Herrenchor

Allmählich haben wir "Begrüßer" Routine entwickelt. Besonders manche ältere Menschen sind dankbar, wenn man ihnen einen Arm reicht, während man sie zum Tisch begleitet. Alt und jung, Menschen verschiedener  Hautfarbe, welche die sich auch ein teures Essen leisten könnten und welche für die die 1,50 Euro schon eine Herausforderung sind, sitzen an einem Tisch. Und genau das ist ein Teil der Faszination Vesperkirche, die sich das Motto "Miteinander für Leib und Seele" nicht nur auf den Flyer geschrieben hat, sondern 22 Tage in die Tat umsetzt.  

Allmählich wird es ruhiger, das Kirchenschiff leert sich, die Menschen sitzen nun eher an der Seite, wo es Kaffee und Kuchen  gibt.  Einige  nutzen die "Handysprechstunde im Herrenchor" um sich in die Geheimnisse der Mobiltelefonie einweisen zu lassen, oder informieren sich über die Angebote der Fair-Trade-Stadt Schweinfurt. Auch die Gastgeber kommen allmählich zur Ruhe. Nach drei Stunden "Platzanweiser" bekomme ich jetzt auch einen Hackbraten serviert. Jemand stellt mir einen Teller hin und wünscht mir guten Appetit. Ein an sich ganz normaler Vorgang, den ich dennoch an diesem Tag mit ganz anderen Augen sehe.    

Reichlich Arbeit hinter den Kulissen

Gut 60 Menschen haben diesen Tag für viele, für die ein warmes Mittagessen nicht immer der Regelfall ist, zu etwas besonderem gemacht. Nicht alle Arbeiten fallen sofort ins Auge. Einige sind schon um 8 Uhr gekommen um Kaffee zu kochen, andere bügeln den ganzen Tag, das Spül-Team ist pausenlos im Einsatz, seit November wird die Anlieferung der rund 600 selbst gebackenen Kuchen organisiert. "Gäbe es die Vesperkirche nicht, man müsste sie erfinden", sagt Norbert Holzheid zum Abschied – Vesperkirchenvirus inklusive.   

Quelle: Schweinfurter Tagblatt, Helmut Glauch, 31.1.2019