Rosen im Weinberg

Besuch der Brasiliendelegation in Obereisenheim

Erkennen Sie die Rose im Weinberg? Kein Willkommensgruß für die Brasilianer, sondern ... - am besten, Sie lesen den Artikel

Obereisenheim, 19. Juli 2014. Eine Landtour stand für die brasilianische Delegation auf dem Besuchsprogramm. Einander kennen lernen, aber eben auch Land und Leuten begegnen – so die Intention der Organisatorinnen, namentlich Pfrin. Christhild Grafe und Renate Käser, für den ersten Aufenthaltstag. Was lag darum näher als eine Stippvisite nach Obereisenheim, 20 Kilometer außerhalb Schweinfurts, wo an diesem Tag sowieso ein „Fährenfestival“ unter dem Motto „An der Fähre ist die Hölle los“ gefeiert wurde, - dies in Anspielung auf die berühmte Weinlage „Obereisenheimer Höll’“. Hier, kurz vor der berühmten Mainschleife, beginnen so richtig die Weinberge, was jedenfalls für Rio- und Copacabana-Augen ein ungewohnter und hoffentlich unvergesslicher Anblick gewesen sein dürfte.

Ortspfarrer Pfarrer Ivar Brückner mit treuem Service-Team – nämlich mit seiner Missions- und Brasilienpartnerschaftsbeauftragten Susanne Veigel sowie der KV-Vertrauensfrau Sabine Triebel – hatte ins evangelische Gemeindehaus eingeladen (für eine Kirchenbesichtigung war offenbar niemand zu begeistern) und wartete mit Kaffee und Kuchen, am Abend sogar mit einer zünftigen Vespermahlzeit inklusive Weinprobe – alles gratis! – auf, aber davon später mehr.

„Gemeinsam sind wir auf dem Weg für drei Wochen“, betonte Pfarrerin Grafe in ihrer Begrüßung und bat die Gäste um eine Vorstellungsrunde:

- Elke Renate Schulze Bittar: Kirchenvorstandsmitglied der Martin-Luther-Gemeinde im Zentrum Rios,

- Pastor Rolf Rieck: der dazu gehörende Pastor,

- Roseli Blanck: repräsentiert die Creche Bom Samaritano im Stadtteil Ipanema und vertritt ihren Mann, den dortigen Pastor,

- Irene Flister da Silva: ist „Kassiererin“, d.h. Schatzmeisterin der Nordparochie in Insellage,

- Gisela Reichert: von der Parochie Esperanza in Niteroi,

- Francisco Rafael Soares dos Santos: ihr Pastor, der sich vor allem in der Jugendarbeit und darüber hinaus für das Projekt „Kultur des Friedens“ engagiert,

- Lélia Brazil Protasio Dias des Oliveira: gehört zur Bom Samaritano Parochie, ist Musikerin und nach 2010 zum zweiten Mal mit einer Delegation in Schweinfurt.

Akribisch stellten sodann die Pfarrerin und Landessynodale Käser (nur) das halbe Besuchsprogramm vor: wann aufzustehen, aufzubrechen, was mitzunehmen und an den betreffenden Tagen anzuziehen ist. Es soll übrigens auch genug Freizeit geben für eigene Wege, vielleicht sogar zum ausgelassenen Bummeln mit Shopping in Schweinfurt-City …

Endlich ging’s hinaus ins Freie mit dem exzellenten einheimischen Führer Rolf Krauß, einst Landessynodaler, ehemals auch Weinbergbesitzer. Schon vor acht Jahren hatte er sich der BrasilienbesucherInnen angenommen (dazu Weblink s.u.). Doch wegen der hohen Temperaturen regte er diesmal statt Wanderung einen Autokonvoi zu den prächtigsten Sightseeing-Punkten in der Umgebung an. Und von dort sahen dann alle die Lande um den Main samt Schleife zu ihren Füßen liegen. Ja, die im Sonnenlicht funkelnde Lebensader Main, heutzutage vertieft für bis zu 4000 Tonnen schwere Schiffe, die ihre Fahrt alle 10 bis 15 Kilometer an Staustufen unterbrechen müssen…

Herr Krauß merkte das Informationsinteresse, war deshalb voll in seinem Element und zeigte als nächstes die einstige Konfessionsgrenze zwischen Ober- und Untereisenheim. Letzteres gehörte zum Fürstbistum Würzburg und ist immer noch katholisch dominiert; Obereisenheim hingegen lag in der evangelischen Grafschaft Castell und nahm dankend Glaubensflüchtlinge auf, vor allem wenn sie Handwerk und Weinbau gleichermaßen beherrschten. Davon zehrt der Ort noch heute.

Natürlich bot Krauß seinen Gästen auch einen Crashkurs in Weinbau: Alle konnten erkennen, welche negativen Folgen die Klimaerwärmung für bestimmte Weintrauben hat: Sie verdorren geradezu. Alle konnten aber nicht erkennen, welches nun Rotwein- und welches Weißweintrauben sind: Erst in vier Wochen werden die grünen von den roten Trauben unterscheidbar sein, aber da unterscheiden eben die Brasilianer längst wieder zwischen Zuckerhut und Corcovado. Dass Rosen im Weinberg früher keine bloße Zierde waren, sondern aufgrund ihrer Empfindlichkeit als perfekte Mehltau-Indikatoren fungierten, begriffen hoffentlich auch alle und hatten sich damit die abendliche Weinprobe „sauer“, besser gesagt: redlich verdient.

Der nimmermüde Rolf Krauß schaltete aber noch eine unterhaltsame und doch tiefsinnige Andacht dazwischen: 135mal soll das Wort „Wein“ in der Bibel vorkommen, 75mal „Weinberg“ und 41mal „Weinstock“. Und Krauß fing tatsächlich bei Adam und Eva an und vertrat die steile Unterfrankenthese, dass der Baum im Paradies kein Apfelbaum, sondern ein Weinstock gewesen sei. Na ja. Das Risiko, dass Wein eine Doppelwirkung besitzt – gut und böse, heilend und zerstörend, abzulesen am Ergehen Noahs, des ersten Winzers auf dem Erdball –, gingen die Anwesenden dann doch freiwillig ein und probierten – degustierten! – die vergorene Müller-Thurgau-, Bacchus- und Silvaner-Traube sowie eine Riesling-Spätlese.   

Musikalisch gefällig unterhielten bei Tisch Lélia Brazil mit ihrer Querflöte und Juan Osorio mit seiner Gitarre.

Am Ende war der Zusammenhang zwischen Bibel und Wein wohl nicht mehr ganz so klar wie am Anfang. Pastor Rieck bedankte sich für den Tag und lobte u.a. die Tischdekoration mit echten Weinblättern: „Christus ist unsere Weinlaube.“ Die dämonisch-höllischen Kräfte, die Rolf Krauß zuvor noch für Obereisenheim beschworen hatte, sahen denn doch alle in einem allzu verklärt-milden Licht. Nach dem nächtlichen Feuerwerk – Main in Flammen – kehrte man in die Gästeunterkünfte zurück.

Wenn Sie nachlesen wollen, was die Brasilien-Delegation vor acht Jahre in Obereisenheim erlebte, dann scrollen Sie ein wenig unter folgendem Link:

https://www.schweinfurt-evangelisch.de/inhalt/partnerbesuch-aus-rio-2006