Brasilien - Archiv 2009

   
Die Gemeinde singt das Tischgebet zum gemeinsamen Essen am Partnerschaftssonntag.                                          Pastor José Kowalska

 

Brasilien – Deutschland; Rio- Schweinfurt

Ansprache im Partnerschaftsgottesdienst (20.09.2009) in Rio

Über die Reise nach Bayern zu sprechen, ist sehr angenehm, denn es weckt gute Erinnerungen. Unser Pfarrer José bat darum, eine fünfminütige Ansprache über die Stadt Schweinfurt und die bayerische Kultur und Volk halten zu dürfen. Ich gebe zu, es war eine wahre Herkulesaufgabe für mich, denn alles, was wir in diesen 25 Tagen gesehen und gelernt haben, in fünf Minuten wiederzugeben, ist schlicht unmöglich.

Es waren sehr viele Städte, sehr viele Menschen und zu wenig Zeit, um alles bewusst wahrzunehmen. Es ist sehr schwer, Schweinfurt mit Rio de Janeiro zu vergleichen, denn beide haben kaum Ähnlichkeiten. Es ist ein regelrechter Kulturschock, wenn wir, die wir aus dieser Multimillionenstadt voller Kontraste und Gefahren kommen, auf eine reiche und über tausendjährige Stadt stoßen! Es ist, wie in ein Buch mittelalterlicher Geschichten einzutauchen.

Das dortige Leben ist sehr organisiert, und so soll es auch sein, denn das deutsche Vorsorge- und Rentensystem ist vollkommen anders. Es gibt eine sehr hohe Lebensqualität, wenig Obdachlose, hohe Lebenserwartung, Sorge um Jung und Alt, mit dem Bewahren der Kultur, Respekt gegenüber den Rechten der anderen, überhaupt ein Leben, von welchem wir in Rio de Janeiro nur träumen können.

Wie wir in unserem Reisebericht 2006 erwähnt hatten, ist die so weit verbreitete deutsche „Gefühlskälte“ durch die  Wahrnehmung ersetzt worden, dass man sich gegenseitig zu verstehen und zu lieben lernt. Es tut wirklich Not, „Gefühlskälte“, Sachlichkeit und Ehrlichkeit differenzierter zu begreifen. Hier in Rio schämen wir uns fast, „nein“ zu sagen; ja man kann es sogar als Beleidigung auffassen! Dort in Schweinfurt ist ein „Nein“ einfach ein Schlussstrich, ohne zu beleidigen oder ohne die Absicht, den anderen zu verletzen. Zum Beispiel kann man nicht, wenn ein Geschäft um 17 Uhr schließt, fünf Minuten später hereinkommen. Man bekommt ein Nein ins Gesicht geworfen, und für das Gegenüber ist das Gespräch somit vorbei!

Wir haben die Kultur eines disziplinierten, ordentlichen Volkes kennen gelernt, das aber umso liebevoller und netter ist. Unsere deutschen Glaubensgenossen behandelten uns, als wären wir dort zu Hause. Die Städte sind klein und werden gut gepflegt. Der Arbeitsort des Pfarrers und der Pfarrerin befinden sich in nächster Nähe. Zu bemerken ist auch, dass die Diakonie sehr stark und aktiv ist. Überhaupt die Frage nach Arbeit und Lohn wird durch die Gewerkschaften und die Diakonie anders als hier behandelt.

Wir redeten häufig über gemeinsame Probleme, wie die Schwierigkeit, Jugendliche in die Gemeinde einzubeziehen, über die wachsenden finanziellen Probleme und die Furcht vor der  beruflichen Zukunft. Die gedeihende Arbeitslosigkeit, der steigende Ausländeranteil und die damit verbundene schwierige Aufgabe, diese zu integrieren und nicht zuletzt die stetig sinkende Geburtenrate bei deutschen Frauen setzen dem reichen Land zu.

Die Frauen bleiben noch generell zu Hause, um die Kinder zu erziehen und zu betreuen. Wie schon erwähnt, ist die niedrige Geburtenrate äußerst besorgniserregend und Frauen, die sich für die Karriere statt für ein Kind entscheiden, werden erst später schwanger - trotz medizinischer Hilfeleistungen. Die Jugend muss sich schon sehr früh nach guten Berufschancen umsehen.

Die Kirche ist nicht einzig und allein ein Ort geistlicher Zuflucht, sondern ist auch für politische, soziale und wirtschaftliche Belange zuständig.

Was uns sehr wunderte, ist der gute Zustand der Autobahn im Abschnitt Nürnberg-Schweinfurt! Außerdem beeindrucken nicht nur die fehlende Geschwindigkeitsobergrenze und die neuen Autos. Auch wird beim Autobahnbau in Deutschland Natur und Lärmschutz sehr groß geschrieben. Überhaupt ist es in Deutschland sehr leise. Nach 20 Uhr kann man auch draußen seine eigene Atmung hören! Und selbst nach den zahlreichen deutschen Siegen in der Fußballweltmeisterschaft hörte man keinen Mucks nach Mitternacht.

Auch werden hier Gesetze und Höflichkeit sehr streng beachtet. Jeder passt auf seine eigenen Kinder auf. Bei uns, immer wenn Kinder in Sichtweite sind, versuchen wir instinktiv auf diese aufzupassen. In Deutschland ist es da nicht so.

Heute wissen wir, dass in Europa strengere Rauchverbote herrschen. Aber es brachte uns 2006 schon auf, dass die Deutschen immer und überall geraucht haben, obwohl eine Zigarettenpackung 15 Euro kostete!

Es gibt auch viel mehr, das anders ist als bei uns: Die Getränke werden nicht gekühlt serviert. Wenn Besuch kommt, wird der Fernseher ausgeschaltet. Es ist auch unhöflich, Leute zu jeder Tages- und Nachtzeit anzurufen, obwohl die Tarife so billig sind. Vielleicht hat man gerade deshalb so wenige Telefonkosten in Deutschland!

Die Siedlungen sind malerisch: Kirchen, Denkmäler, Museen oder auch ganze Städte mit mittelalterlichem Kulturgut sind teilweise erhalten geblieben oder nach dem Krieg neu erbaut worden.

Ich wage zu behaupten, ich könnte den lieben langen Tag über meine Erlebnisse berichten, aber zusammengefasst: Die Deutschen sind ein einladendes und einfaches Volk, das den Ausländer gern zum Mitbürger macht. Die kulturellen Unterschiede werden respektiert, und sie sind sehr neugierig auf unserer Lebensweise.

Wie ich dem stellvertretenden Dekan Walter Neunhoeffer schon in unserer Abschiedsversammlung sagte, als er mich nach Kommunikationsproblemen gefragt hat, ist es schwierig, über Witze zu lachen, Minuten nachdem ihre Pointe verklungen ist und dabei von dem Übersetzer der Gruppe voll und ganz abhängig zu sein. Aber sicherlich wurden diese Probleme durch die dort aufgewiesene Christenliebe zu einer Person, die nicht deutschstämmig ist, vollkommen ausgeglichen und sorgten für eine hervorragende Gesprächsstimmung zwischen den beiden Seiten dieser Partnerschaft und des Austausches.


Text: Dr.  Mônica VieiraFotos: Paróquia Norte
Übersetzung aus dem Portugiesischen: Wagner Strelow


 
Mônica Vieira liest ihren Bericht in der Kirche Bom Pastor der Paróquia Norte vor.

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Lesen Sie: Am Sa., den 14. Februar 2009 fand eine Dekanatssynode zum Thema "Brasilienpartnerschaft" statt.

 

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Brasilianische Begeisterung im Kindergottesdienst Werneck

Werneck. Fernando Strelow (s. o. Fotos), ausgebildeter Katechet aus Brasilien, erzählte mit Handpuppe Frederico in einem gut besuchten Kindergottesdienst in Werneck über sein Heimatland. Die Kinder und einige Eltern verfolgten begeistert, wie ihnen die Puppe anhand verschiedener in der Mitte liegender Gegenstände etwas über den Amazonasregenwald, deutsche Traditionen, Fußball und den Kinderalltag im Partnerland des Dekanats schilderte.

Ute Lutz stellte den Gottesdienst am Sonntag, den 11.Januar 2009, unter das Motto „Kinder in aller Welt- unsere Partnerschaft mit Brasilien“ und verband die Kinder gedanklich mit ihren Altersgenossen in anderen Ländern, vor allem aber in Brasilien.

Renate Käser, Dekanatsbeauftragte für Partnerschaft, Entwicklung und Mission, zeigte einige Bilder von der letztjährigen Rioreise des Dekanats und nahm Bezug auf das unterstützte Partnerschaftsprojekt, die Kindertagesstätte Bom Samaritano, für die die Wernecker Kinder schon mehrfach gesammelt hatten.

(Bericht und Fotos: Renate Käser)